Täglich überschlagen sich die Ereignisse in Sachen Coronavirus. Die Covid-19-Pandemie verbreitet sich und mit ihr die Angst davor. Wie ernst ist die Lage? Wie soll man mit der Bedrohung umgehen? Über die Balance zwischen Panikmache und rationaler, objektiv begründeter Sorge.

Spätestens wenn der Regierungschef des Landes davon abrät, die eigenen Großeltern zu besuchen, merkt wohl auch der Letzte, dass wir in außergewöhnlichen Zeiten leben. Die Regierung nehme die Lage des Coronavirus in Luxemburg ernst und richte den Appel an die Menschen, das ebenso zu tun, sagte Premier Xavier Bettel am Mittwoch.

Am Donnerstagabend kündigte die Regierung dann drastischere Schritte an, um die Ausbreitung des Virus zu verhindern: Ab Montag schließen die Schulen des Landes, Veranstaltungen in geschlossenen Räumen mit mehr als 100 Teilnehmern sowie Besuche von Patienten in Krankenhäusern und Pflegeheimen sind bis auf Weiteres verboten und weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie werden getroffen.

Die Maßnahmen sind präzedenzlos, doch die Botschaft lautet weiterhin: Wachsam bleiben, sich an die Verhaltensempfehlungen des Gesundheitsministeriums für alle Bürger sowie für besonders gefährdete Personen halten und soziale Kontakte auf ein absolutes Minimum reduzieren. Mit anderen Worten: Keine Panik, aber…

Zwischen Sensibilisierung und Panikmache

Der Premier und die Gesundheitsministerin Paulette Lenert vollziehen seit Tagen einen enormen Balanceakt. Das Ziel ist immer noch die Eindämmung des Virus. Die Vorsichts- und Präventionsmaßnahmen werden allerdings merklich verschärft. Die einschneidenden Schritte betreffen den Alltag aller Menschen, die sich im Land aufhalten. Und genau das ist der Zweck der Übung: Nur wenn sich alle Bürger an die Maßnahmen halten, lässt sich die Entwicklung der Pandemie überhaupt noch positiv beeinflussen.

Es ist durchaus möglich, dass sich ein Großteil der Bevölkerung mit dem Virus infizieren wird.“Claude Muller, Virologe

„Die Situation hat sich geändert. Wir können nicht mehr damit rechnen, dass die Ausbreitung des Virus in ein paar Wochen vorbei ist“, sagt Claude Muller. Der Virologe vom „Luxembourg Institute of Health“ ist seit Wochen ein gefragter Mann in den Medien. Es gebe keinen Grund zur Angst, aber definitiv zur Vorsicht, sagt der Experte. „Wir sollten dieses Virus nicht unterschätzen. Es gilt, die weitere Ausbreitung zu verhindern. Aus Selbstschutz, aber auch aus Verantwortung für seine Mitmenschen und die ganze Gesellschaft.“

Dass dabei aber auch die Angst als eines der ältesten menschlichen Gefühle eine Rolle spielt, weiß der Psychologe Claus Vögele. „Das Coronavirus ist beängstigend, weil wir fast nichts darüber wissen“, so der Professor für Gesundheitspsychologie an der Uni Luxemburg. Für den einfachen Bürger sei ein Virus nun einmal so klein und unsichtbar, dass man die Gefahr, die von ihm ausgeht, nicht wirklich erkennen kann. „Mit dem Grad der Unbekanntheit steigt der Grad der Angst. Das war in der Menschheitsgeschichte schon immer so“, so der Experte.

Die große Angst vor dem Unbekannten

Ein weiterer Grund für die Angst: Weil das Virus so unbekannt und unerforscht ist, zirkulieren viele Gerüchte und Vermutungen, so Claus Vögele. Die Angst bleibe bestehen, wenn sie nicht mit guten Argumenten und gewissen Sicherheiten ausgeräumt werden kann. Und damit bestehe die Gefahr der Panik, also einer „Angst, die aus dem Ruder läuft“, so die Definition des Psychologen.

Sind die Medien im dauerhaften „Breaking-News“-Modus an der latenten Panikmache schuld? Menschen würden uneinheitlich auf die Berichterstattung in den Medien reagieren und auch Aspekte zu einem bestimmten Thema oft nur selektiv wahrnehmen, sagt der Medienwissenschaftler Christian Nuernbergk von der Universität Trier. „Aus meiner Sicht ist die öffentliche Aufmerksamkeit, die Medien dem Thema aktuell schenken, angesichts der Dynamik der Entwicklungen angemessen.“

„Angst ist ein normales Gefühl. Es ist absolut ok, Angst zu haben. Ja, manchmal ist es sogar sinnvoll.“Claus Vögele, Psychologe

Information und Aufklärung für die Bevölkerung seien in der „Containment-Phase“ entscheidend – und hier seien nicht zuletzt die Massenmedien mit ihrer Reichweite gefragt, sagt auch Claude Muller. Gleichzeitig betont der Virenexperte, dass man immer noch zu wenig über Covid-19 wisse, um Entwarnung zu geben. „Wir wissen zwar viel über Coronaviren, deren Ursprung und Verbreitung bei Tieren“, so der Experte. „Doch das Verhalten dieses neuen Coronavirus bei Menschen ist noch nicht genügend erforscht.“

Hier sei aber einiges in Bewegung, so Claude Muller weiter, der als Experte für Epidemien in verschiedenen Beratungsgremien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sitzt. Die EU hat mittlerweile 140 Millionen Euro für die Forschung bereitgestellt. Das Geld soll vor allem in die Erforschung eines Impfstoffes fließen. Auch die USA und weitere Staaten haben bereits große Geldsummen eingesetzt, um die Forschung anzutreiben. Bei der Suche nach einem Impfstoff müsse man sich gedulden, sagt Claude Muller. Es gebe aber schon vielversprechende Ansätze. Mit der Entwicklung eines wirksamen Vakzins sei frühestens in „ein paar Monaten“ zu rechnen. Der Impfstoff müsste dann aber noch weitere klinische Versuchsphasen durchlaufen.

Die unbequeme, aber notwendige Wahrheit

Bis dahin wird die Unsicherheit, und damit die Angst und mögliche Panik, aber weiter anhalten. Sicher ist, dass Menschen an den Folgen des Coronavirus sterben können. Laut dem „European Centre for Disease Prevention and Control“ in Stockholm zeigt die Analyse bisheriger Infektionen mit Covid-19: In 80 Prozent der Fälle bewirkt das Virus maximal eine leichte Lungenentzündung, bei 14 Prozent geht man von einer schwereren Erkrankung aus und bei sechs Prozent hat man es mit einem kritischen Krankheitsbild zu tun.

Zur unbequemen Wahrheit gehört auch, dass sich laut Virenexperten eine weitere Ausbreitung von Covid-19 nicht aufhalten, sondern nur verzögern lässt. Man müsse etwa in Deutschland mit einer Infektionsrate von rund zwei Dritteln der Bevölkerung rechnen, meint der renommierte Virologe Christian Drosten, der in einem Podcast tägliche Updates zur aktuellen Lage rund um das Coronavirus liefert. 0,5 Prozent von den Infizierten, vor allem ältere und andere gesundheitlich anfällige Menschen, könnten langfristig daran sterben, so die Einschätzung des Experten.

Die mangelnde Erforschung des Verhaltens des Coronavirus ist eine wichtige Ursache für die Unsicherheit und die Angst in Teilen der Bevölkerung. (Foto: CDC via Unsplash.com)

Diese Perspektive klingt auf den ersten Blick erschreckend. Doch es sei letztlich kein bedrohliches Szenario, betonte Christian Drosten in den vergangenen Tagen. Im Gegenteil: Laut dem Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Charité handelt es sich um eine natürliche Entwicklung, die letztlich zum Stopp der Ausbreitung führen wird. Denn wie bei allen Virenerkrankungen entwickeln Menschen nach einer gewissen Zeit eine Immunität. Virenexperten sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Durchseuchung“ der Gesellschaft, die die allermeisten Menschen ohne akute Gesundheitsbeschwerden überstehen.

Was bei dem Szenario jedoch fehlt, ist der entscheidende Faktor Zeit. Breitet sich das Virus langsam, über Jahre aus, gleichen seine Folgen (Infektionen, Todesrate) einer gewöhnlichen Grippeerkrankung, sagen die Virologen. Geht die Ausbreitung jedoch schneller, etwa wie in Italien, stößt jedes Gesundheitssystem angesichts steigender Ansteckungs- und behandlungsbedürftiger Komplikationsraten an seine Grenzen.

„Es ist durchaus möglich, dass sich ein Großteil der Bevölkerung mit dem Virus infizieren wird“, sagt auch der Virologe Claude Muller. Momentan befinde man sich in Luxemburg aber noch immer in der Eindämmungsphase. Deshalb sollte jeder sich an die Hygiene-Empfehlungen und die notwendigen, aber vorübergehenden Beschränkungen des sozialen Lebens unbedingt halten. Nur so könne man sicherstellen, dass das Coronavirus in einem Maß fortschreitet, das von den staatlichen und medizinischen Behörden beherrschbar bleibt.

Wie man mit der Angst umgehen kann

Trotz des Ernstes der Lage, gibt es immer noch keinen Grund zur Panik. Man müsse versuchen, rational zu bleiben, rät der Psychologie-Professor Claus Vögele. Das bedeutet: „Informationen verfolgen und sich an die Empfehlungen von offizieller Seite halten.“ Nur so könne der Einzelne die relative Gefahr, die von der Corona-Pandemie ausgeht, weder unter- noch überschätzen.

„Angst ist ein normales Gefühl“, sagt der Psychologe. „Es ist absolut ok, Angst zu haben. Ja, manchmal ist es sogar sinnvoll.“ Um mit der eigenen Angst richtig umzugehen, müsse man aber sein Verhalten disziplinieren. „Um die Angst einzugrenzen, muss ich durch meine Handlungen die Risiken verkleinern. Im Fall von Corona heißt das: Mir den Freiraum nehmen, aus meinem gewohnten Alltag auszubrechen.“ Niemandem fällt es leicht, seine sozialen Kontakte so stark einzugrenzen, wie es aktuell zur Eindämmung des Virus verlangt wird, so Claus Vögele. Doch verglichen mit dem, was eine schnelle Ausbreitung mit der ganzen Gesellschaft anrichten könnte, sei es doch ein niedriger Preis.

Wir wissen zwar viel über Coronaviren, deren Ursprung und Verbreitung bei Tieren. Doch das Verhalten des Virus bei Menschen ist noch nicht genügend erforscht.“Claude Muller, Virologe

Zudem lautet die Devise: Das Coronavirus darf nicht das ganze Denken bestimmen. Deshalb sollte man sich auch „von der Angst ablenken“, rät Vögele. „Fernsehen, Lesen oder über einen anderen Weg versuchen, das Virus zumindest zeitweise aus dem Kopf zu bekommen.“ Wenn das alles nichts mehr hilft: „Tief durchatmen, mehrere Male hintereinander und sich rein körperlich beruhigen.“ Zudem sollte man unbedingt mit Vertrauten über die eigene Angst reden. „Angst wird immer schlimmer durch das Unausgesprochene.“ Man muss über seine Ängste sprechen, um sie überhaupt zu erkennen und überwinden zu können, so der generelle Rat des Verhaltensforschers.

Ein Fall für den Psychologen wird die Angst vor dem Coronavirus laut Claus Vögele erst, wenn all diese Ratschläge nichts mehr helfen. Es gebe Menschen, die sich in eine Angst hineinsteigern, „sich nicht mehr von diesem an sich natürlichen Gefühl trennen können“. Diese Menschen seien in einer Extremsituation wie einer Pandemie natürlich besonders verwundbar. Neben den körperlich anfälligen Mitmenschen, bei denen das Virus ernsthafte gesundheitliche Folgen haben kann, müsse man sich nun unbedingt auch um die psychisch empfindlichen Personen kümmern.

Keine Angst ist auch keine Lösung …

Was ist mit jenen, die die Corona-Pandemie verharmlosen oder komplett verleugnen? Nach dem Motto: Nur eine Grippe, alles halb so wild? „Die halte ich ehrlich gesagt für dumm“, sagt Claus Vögele. Es sei zwar auch eine menschliche Reaktion, die Angst komplett auszublenden. Wenn man aber die Fakten, die Fachmeinungen und die Folgen der Pandemie nicht wahrhaben will, verweigere man sich der Realität, so der Psychologe. Diese „Leugner“ habe es auch bei anderen Erkrankungen gegeben, etwa beim HIV-Virus. Ihr Verhalten könnte letztlich zu einer Verschlimmerung der Lage beitragen.

Die beiden Extreme – Panikmacher und Leugner – seien zwar kein neues Phänomen, meint der Psychologe. „Extremmeinungen gehören zu Extremsituationen dazu.“ Allerdings sieht er eine neue Entwicklung in der Rolle der sozialen Medien im Umgang mit Angst und anderen Reaktionen auf das Coronavirus. Der Einfluss sozialer Medien auf die Meinung und Gefühlslage des Menschen seien „groß und letztlich nicht kontrollierbar“, so Claus Vögele. Man dürfe sich nicht durch „reine Privatmeinungen“ von Einzelpersonen beeinflussen lassen, selbst wenn diese einem nahe stehen. Um die Einschätzungen von Fachleuten zu Virenerkrankungen zu vermitteln, seien die journalistischen Medien da.

Ich rate, Informationen aus vertrauenswürdigen Quellen zu beziehen.“Christian Nuernbergk, Medienwissenschaftler

Dem pflichtet auch Claude Muller bei. „Die Medien spielen eine gute und wichtige Rolle“, sagt der Luxemburger Virologe. Doch letztlich sei Medium nicht gleich Medium, gibt Christian Nuernbergk zu Bedenken. Das gelte besonders in Krisenzeiten. „Ich rate, Informationen aus vertrauenswürdigen Quellen zu beziehen“, sagt der Medienforscher der Uni Trier. Das könnten anerkannte Qualitätsmedien sein oder auch öffentlich-rechtliche Medienanbieter und ihre Onlineangebote. Man sollte zudem darauf achten, „wie die Medien ihre Informationen selbst kennzeichnen und einordnen“. „Was ist also gesichert, was ist klar und was nur Spekulation oder Gerücht? Gerade in den sozialen Medien geschieht so eine Einordnung oft nicht.“


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