Argentiniens Präsident Javier Milei ist angetreten, um die alte Wirtschaftsordnung zu bekämpfen. Ein Jahr nach seiner Wahl zeigt sich: Seine Reformpolitik ist pragmatischer als erwartet. Doch es bleiben große Herausforderungen und Risiken.

Manchmal wird aus Vertrautheit Sympathie. Dies gilt jedoch nicht für Javier Milei, den Präsidenten von Argentinien. Nachdem er den argentinischen Staat ein Jahr lang regiert hat, bleibt seine Verachtung dafür „grenzenlos“, sagt er im ausführlichen Interview mit „The Economist“.

In seinem Büro in der Casa Rosada, dem historischen Regierungssitz mit roten Teppichen und Marmorstatuen, wirkt Javier Milei wie ein Präsident. Aber wenn er die Philosophie hinter seinem radikalen Experiment erklärt, klingt er wie der „Maulwurf“, der er sein will und der den Staat von innen heraus untergräbt. Jegliche Einschränkung des freien Unternehmertums treibe die Gesellschaft in Richtung Sozialismus, sagt er. Sogar die neoklassische Ökonomie, der Rahmen, der die meisten wirtschaftspolitischen Entscheidungen bestimmt, „begünstigt letztlich den Sozialismus“. Für Präsident Milei steht das Ziel fest: „Ich werde alles tun, was ich tun kann, um die Einmischung des Staates zu beenden.“

Eine wahre Flut von Reformen

Diese Entschlossenheit hat zu einer Flut von Reformen geführt, die darauf abzielen, Argentinien aus dem jahrzehntelangen demütigenden Niedergang zu befreien, der durch grassierende Inflation, sinnlose Vergeudung von Mitteln und ein Gestrüpp von Regulierungsmaßnahmen verursacht wurde. Das Ergebnis ist besser als fast alle erwartet haben: Die Inflation ist erheblich zurückgegangen, die Staatsausgaben sind real um fast 30 Prozent gesunken. Diese Erfolge könnten sich aber auch als kurzlebig erweisen. Die jüngste Geschichte Argentiniens ist mit gescheiterten Wirtschaftsreformen gepflastert. Aber durch die Kompromisslosigkeit seiner Überzeugungen und als Verfechter der Theorie des freien Marktes hat Präsident Milei bessere Chancen als seine Vorgänger.

Derzeit erlebt er seine beste Zeit seit seinem Amtsantritt. Seine beiden wichtigsten Zielgruppen, die Märkte und die Argentinier, sind hocherfreut. Der „JPMorgan“-Länderrisikoindex, ein einflussreicher Maßstab für das Ausfallrisiko, ist von rund 2.000 bei seinem Amtsantritt im Dezember 2023 auf nun etwa 750 gesunken, den niedrigsten Stand seit fünf Jahren. Trotz enormer Ausgabenkürzungen ist Präsident Milei bei den Argentiniern beliebter als seine beiden Vorgänger nach ihrem ersten Amtsjahr. In den letzten Monaten ist seine Popularität weiter gestiegen …