Der Prozess gegen ehemalige Beamte der Bahnhofswache zeichnet das Bild einer Einheit im Ausnahmezustand, die sich über Jahre der Kontrolle ihrer Hierarchie entzog. Die Verantwortlichen für die Missstände sitzen demnach nicht nur auf der Anklagebank.
Zwischen Bonneweg, Hollerich, Gasperich und der Oberstadt gelten seit Jahrzehnten eigene Regeln. Das Bahnhofsviertel ist ein Ort permanenter Belastung: für Anwohner, Geschäftsleute, Sozialarbeiter und Polizei. Dort, wo Drogenhandel, Gewalt, Beschaffungskriminalität und Obdachlosigkeit aufeinandertreffen, geraten offenbar auch innerhalb der Sicherheitskräfte Grenzen ins Wanken.
Dies geht aus den Ermittlungen der „Inspection générale de la police“ (IGP) hervor, die in den vergangenen Wochen im Mittelpunkt eines Prozesses vor dem Bezirksgericht Luxemburg standen. Was mit dem Vorwurf eines einzelnen Gewaltverbrechens begann, entwickelte sich zu einem Verfahren, das weit über den konkreten Fall hinausgeht. Im Mittelpunkt standen zunehmend Fragen nach Kontrollversagen und falsch verstandener Loyalität.
Das Hauptverfahren betrifft vier ehemalige Beamte. Der heute 32-jährige Tom D. soll am 20. Mai 2023 einen stark alkoholisierten Mann in einer Sichtzelle der Bahnhofswache misshandelt haben. Zwei Kollegen, Rick S. und Joe K., sollen dabei anwesend gewesen sein. Ein Vorgesetzter, André A., soll anschließend versucht haben, den Vorfall zu vertuschen.
Nach Darstellung der Ermittler war Fernando V. nicht zufällig Opfer der mutmaßlichen Gewalt geworden. Er soll Tom D. bereits Wochen zuvor während eines Polizeieinsatzes bedroht haben. Für den Beamten sei daraus eine „offene Rechnung“ entstanden, die er am Abend des 20. Mai mit Gewalt beglichen haben soll.
Eine Affäre, viele Anklagepunkte
Die Ermittlungen der IGP brachten weitere Verdachtsmomente innerhalb der Bahnhofswache ans Licht. Drei der Angeklagten und ein anderer Polizist müssen sich in Nebenverfahren wegen zusätzlicher Vorwürfe verantworten. Die Anklagepunkte in allen Verfahren reichen von Folter, Körperverletzung und Justizbehinderung bis hin zu Fälschung und Verletzung von Persönlichkeitsrechten.
Auffällig ist dabei vor allem der Zeitraum, auf den sich viele Vorwürfe konzentrieren: wenige Tage zwischen dem 18. und 21. Mai 2023. Dadurch drängt sich immer wieder dieselbe Frage auf: Wenn innerhalb weniger Tage derart viele mutmaßliche Straftaten dokumentiert wurden, wie viele Vorfälle blieben dann über Jahre unentdeckt?
Ech war a menger Funktioun véier hierarchesch Echelonen ewech. Ech hu vun deem, wat um Terrain selwer geschitt ass, net méi vill matkrut.“Ex-Polizeichef Philippe Schrantz
Laut den Ermittlungen hatte sich die Polizeieinheit der Kontrolle durch die eigene Hierarchie zumindest teilweise entzogen. Problematische Praktiken seien intern geblieben, Fehlverhalten sei geduldet worden. Neben den Gewaltvorwürfen rückten auch mutmaßlicher Drogenkonsum innerhalb der Einheit, fragwürdige Rituale gegenüber jungen Kollegen und eine ausgeprägte Abschottungskultur in den Fokus.
Der vorsitzende Richter Marc Thill legte während der insgesamt acht Verhandlungstage mehrfach den Finger in die Wunde: „Wenn es eine Kontrolle gegeben hätte, würden wir jetzt nicht hier sitzen“ …
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