Ein anderer „Wochenrückblick“ ist möglich: Pünktlich zum Wochenende blickt unsere Redaktion mit einem Augenzwinkern auf Schlagzeilen zurück, die uns besonders beschäftigten. Dieses Mal: Wie Xav den Weltfrieden herbeipalavert und Pirouetten in der Chamber.
Jetzt mal ehrlich: Haben Sie auch manchmal so ein flaues geopolitisches Gefühl im Magen? So eine diffuse, aber doch deutlich spürbare Unsicherheit angesichts der Weltlage? Und wenn ja, hat sich dieses Gefühl durch die Rückkehr von Donald Trump etwa nicht in Luft aufgelöst, sondern verschlimmert?
Falls ja, Sie sind nicht allein. Allerdings gibt es Grund zur Hoffnung und nachhaltigen Beruhigung. Denn unser Außenminister heißt Xavier Bettel. Und der hat bekanntlich nicht nur das Talent, mit seiner besonnenen, ja fast schon stoischen Art, komplexe politische Zusammenhänge zu erklären. Es war auch er, der vor Jahren um ein Haar für Frieden in der Ukraine sorgte. Woran genau die lässige Telefondiplomatie von Mahatma Bettel damals scheiterte, ist uns leider entfallen. Aber egal, der Versuch und die darauf folgende öffentliche Selbstbeweihräucherung zählen.
Auch jetzt findet die Xanax-Pille der Weltpolitik wieder die richtigen Worte. Denn der liberale Kleinstaatenlenker weiß eben, wie der Hase läuft und ist per Du mit den Mächtigen dieser Welt. Natürlich auch mit Donald Trump. Schließlich habe er ganze „vier Jahre“ ununterbrochen und geradezu auf Augenhöhe mit dem US-Präsidenten zusammengearbeitet, wie Xav im Interview mit „Virgule“ aus dem diplomatischen Nähkästchen plauderte. Und wenn man jemanden so in- und auswendig kennt, wie Xav den Donald, dann braucht man sich wahrlich keine Sorgen zu machen.
Denn Trump sei ein wahrer „Game Changer“, sagt Xav, der selbst auch für sein Leben gern Politik spielt. Trump mache zwar niemandem Geschenke, er sei „spontan und direkt“. Aber gerade deshalb könnte er ja „vielleicht“ in manchen Konflikten der Welt die Lage „entspannen“. Gut, Trumps Rückkehr bedeute wohl auch viel „Ungewissheit“ und „Unberechenbarkeit“. Und über die Gefahren, die von einer Weltmacht ausgehen, die jetzt wieder (mindestens) „vier Jahre“ von einem hemmungslosen Narziss und Populisten geführt wird, will Xav erst gar nicht reden. Aber gut. Wie sagte schon Paulette Sokrates Lenert (die Älteren unter Ihnen werden sich erinnern): Man weiß es nicht.
Xav verklärt die Welt
Doch Bettel wäre nicht Bettel, wenn ihm im Eifer des Gelabers nicht auch die eine oder andere erfrischend ehrliche Aussage herausrutschen würde. So gab der bekennende Menschensüchtige gleich im ersten Satz des Interviews, auf die Frage zum Waffenstillstand-Deal in Nahost, zu: „Je vous avoue ne pas savoir exactement qui a négocié quoi avec qui et comment…“ Das ist doch mal eine wirklich glaubwürdige Ansage.
Da reist unser Außenminister also gefühlte 20 Mal pro Woche in die kriselndste Krisenregion der Welt, um zu vermitteln und Luxemburger Friedensbrücken zu bauen. Nur um dann am Ende über den entscheidenden Moment nichts Genaues zu wissen. Also außer natürlich, dass Israel und Palästina weiter den Pfad zum Frieden suchen und am besten auch irgendwann einschlagen sollten. Wir finden: Gute Idee, das sollte man in der Tat mal probieren.
Dabei verkörpert Xav auch in der Außenpolitik lediglich die liberalen Werte. Was die DP ausmache, sei nämlich, „datt een Léisunge fir Problemer géif sichen“, erklärte Parteichef und Professor für angewandte politische Plattitüden, Lex Delles, diese Woche beim Neujahrsempfang der Liberalen. Ein Event, das auch Jetsetter Xav nicht verpassen wollte und scherzte: „Vun Davos direkt an de Cactus. A gleeft mer, ech si léiwer hei.“

Aber wo Xav recht hat, hat er eben recht: Frieden in Nahost – das wäre doch mal was. Oder wie schon Xavs Vorgänger Jang die intellektuelle Leitlinie der Luxemburger Außenpolitik zu resümieren vermochte: Frieden ist besser als Krieg. Also nicht Luc Frieden, sondern Frieden tout court, versteht sich.
Dennoch wundert man sich, dass Xav ohne Genaueres zu wissen, nicht doch mehr zum Nahost-Deal zu sagen hat. Denn auch bei anderen, also bei wirklich allen anderen Themen hält den stolzen Alumnus der Université de Lorraine sein latentes Unwissen nicht davon ab, seine halbgaren Gedankengänge in irgendein Mikrofon abzusondern. Wie bei einem begnadeten Freestyle-Rapper fragt man sich auch bei den wacken Lyrics von MC Xav, ob das Gehirn dem eigenen Redeschwall eigentlich noch folgen kann.
Nichts Genaues weiß man nicht
So ähnlich geschah es dann auch wenige Sätze später im selben Interview. Dabei stellte der Journalist eine Frage, mit der man als Außenminister durchaus rechnen kann. Nämlich: Wie wahrscheinlich ist eine weitere Eskalation des Ukraine-Kriegs? Droht ein Krieg zwischen Russland und Europa? Ohne – mutmaßlich – mit der Wimper zu zucken oder auch nur – höchstwahrscheinlich – eine Nanosekunde zu überlegen, antwortete Xav: „Après, je me dis que si Vladimir Poutine avait voulu attaquer l’Europe, il l’aurait déjà fait. Pourquoi aurait-il attendu?“
Ja, warum eigentlich? Warum hätte Putin warten sollen? Warum hat er nicht schon, warum hier, warum nicht da? Und überhaupt: Wie war noch mal die Frage?
Aber, Sie ahnen es, die Antwort geht noch munter weiter. Man dürfe die Chinesen nicht in Moskaus Arme treiben, doziert der Weltstratege Xav ebenso galant wie meilenweit an der offenbar irrelevanten Fragestellung vorbei. Manche von Ihnen, die die internationale Rubrik in der Zeitung nicht nur vom Hörensagen kennen, mögen jetzt denken: Moment, ist es nicht umgekehrt? Also, dass Russland längst in Chinas Armen liegt? Vielleicht. Oder um mit Xavier Bettel zu sprechen: Egal. Also schnell, schnell weiter im Text.
Wo waren wir? Ja genau, China. Die Volksrepublik sei laut Xav im Ukraine-Konflikt jedenfalls „un des rares pays qui peut faciliter une paix durable“. Das sage aber nicht er, sondern der scheidende US-Außenminister Anthony Blinken. Und der sagte anscheinend noch mehr: „Selon lui, les Chinois ont permis d’éviter l’emploi de la bombe atomique dans ce conflit.“ Ach ja? Echt jetzt? Nein, nicht wirklich. Denn Xav schafft es gerade noch, seinen mit kühnen Halbwahrheiten und wilden Spekulationen gewürzten weltpolitischen Wortsalat zu wenden: „On ne saura sans doute jamais si c’est complètement vrai ou non.“
Humpe-Georges dreht frei
Apropos richtig oder falsch, oder etwas dazwischen, oder schlicht falsch, oder auch einfach mal frei erfunden: Was macht eigentlich Georges Mischo? Kaum ist er aus dem gediegenen Apres-Ski-Dosenbier-Urlaub zurück, lässt es der kompetenteste Arbeitsminister seit Georges Engel auch zu Hause wieder richtig krachen.
Frisch von der himmlischen („I’m in heaven“) Skipiste wagte sich der unerschrockene Georges nämlich sofort wieder aufs Glatteis des Sozialdialogs. Dabei waren die Gewerkschaften in den vergangenen Wochen doch schon genug mit ihm Schlitten gefahren und hatten ihn im CPTE einfach so am Tisch sitzen lassen. Gut, dass er da noch sein Dosenbier hatte. Und das Patronat. Denn in (guter) Gesellschaft trinkt es sich bekanntlich am besten.
Doch Humpe-Georges wäre nicht Humpe-Georges, wenn er sich auch nicht zu schade wäre, die Dinge nun einfach anders darzustellen, als sie waren. Das Ganze sei ja nur ein Missverständnis gewesen, so der missverstandene Georges bei „Radio 100,7“, ehe er dann im Parlament zur ganz großen Pirouette ansetzte: Nie im Leben habe er jemals das Exklusivrecht der Gewerkschaften für Verhandlungen von Kollektivverträgen infrage stellen wollen.
So was käme weder ihm noch dem CEO der Luxemburger Regierung noch der Luc-Frieden-Partei aka CSV in den Sinn. „Wir stehen seit jeher zum Sozialdialog“, sprang dem Arbeitsminister denn auch die gänzlich Interessenkonflikt-freie Stéphanie Weydert bei. Genau wie Corinne Cahen, deren DP noch im Oktober angesichts des Wortes „exklusiv“ ihre Unterschrift unter eine entsprechende Motion verweigert hatte. Doch auch das war wohl nur ein großes Missverständnis.
Flott Politik à la CSV-DP
Die Gewerkschaften jedenfalls können einen kleinen Punktsieg verbuchen. Das dürfte auch die CGFP freuen, die die Gunst der Stunde nutzt, um eine klitzekleine Punktwerterhöhung von mehr als acht Prozent zu fordern. Wir finden, völlig zu Recht. Immer sind nur die anderen dran, jetzt muss aber auch mal was für die Staatsbeamten herausspringen. Wir können uns jedenfalls nicht daran erinnern, dass irgendeine Regierung jemals einer CGFP einfach so jeden Wunsch erfüllt hat. Sie etwa?
Doch vielleicht haben auch wir Erinnerungslücken oder betreiben Geschichtsverfälschung wie Georges Mischo (Zitat Nora Back). Vielleicht sind es Missverständnisse oder einfach nur altbewährte Politik: #Lucs Regierung hat womöglich einfach mal versucht, wie weit sie gehen kann. Grenzen sind schließlich da, um sie auszureizen – oder zu schließen, Grüße gehen raus an Fritze Merz. Dafür hat man als Premier ja immerhin seine Minister.
Was macht es da schon, dass Georges Mischo mal Federn lässt, Martine Deprez die Pseudo-Pensionsdebatte um die Ohren fliegt, Max Hahn sich den Vorwurf gefallen lassen muss, er setze im Winter Mütter mit Babys auf die Straße, und Léon Gloden – ähm, einfach Léon Gloden ist. In einer Demokratie gehören solche Dinge einfach dazu. Die Presse ist sowieso zu blöd, um zu verstehen, um was es wirklich geht.
So ist es. Deshalb freuen wir uns auf die vielen angekündigten „flott Echangen“, in denen uns der Premier die Welt erklärt. Wir können es kaum erwarten. Bis dahin, schönes Wochenende!


