Ein anderer „Wochenrückblick“ ist möglich: Pünktlich eine Woche nach Herbstbeginn blickt unsere Redaktion endlich wieder mit einem Augenzwinkern auf Schlagzeilen zurück, die uns beschäftigten. Dieses Mal: Caritas, Piraten und andere politische Hütchenspiele.
Da sind wir wieder. Frisch aus der ausgiebigen Humorvakanz meldet sich die Retrospect-Redaktion zurück. Wenn Sie sich jetzt genauso wie die etlichen Leserinnen und Leser in Mails, die uns dazu erreichten, fragen: So eine lange Pause, ja geht’s noch? Dann antworten wir: Und wie das geht. Denn wir orientieren uns bei unseren Sommerferien traditionell am „Congé collectif“ der Luxemburger Volksvertreter-Branche. Und wie Sie als aufmerksame Leser wissen: Was die honorablen Scherzkekse im Comedy-Club „Um Krautmaart“ können, können wir schon lange. Und im Zweifel besser.
Überhaupt war in der Zeit, als wir im schattigen Sommerloch gelangweilt unsere Satire-Däumchen drehten, so gut wie nichts los. Jean Asselborn radelt quietschfidel mit devoten Journalisten-Fans durch die Welt, hält munter Vorträge über die Zukunft Europas und gibt Interviews zu diversem Gedöns, als wäre er immer noch enorm wichtig. Auch die Wohnungspreise peilen nach einer marktbereinigenden Talfahrt endlich wieder die nächste, von Grundbesitzern und sonstigen Spekulanten kaum zu erwartende Bergetappe an.
Asselborns Nachfolger im Außenministerium steht seinerseits kurz davor, seinen persönlich auserkorenen Gipfel namens Friedensnobelpreis zu erreichen. Nachdem Xavier Mahatma Bettel bereits im Alleingang das russische Morden in der Ukraine beendete, steht nun jedenfalls die Lösung des Nahost-Konflikts auf seiner Agenda. Wie wir aus seiner tadellosen Premier-Ära wissen: Wer wenn nicht #Xav könnte auch dieses Problemchen der Weltgeschichte einfach wegpalavern. #EasyPeasy
War soss nach eppes?
Nicht nur bei der gefühlten Rettung des Weltfriedens, auch sonst hat unsere hochbegabte Regierung alles im Griff. Und selbst wenn mal etwas schiefgeht, können wir uns auf den kühlen und nachweislich erfolgreichsten Krisenmanager der Milchstraße aka Luc Frieden verlassen. Ob Finanzkrise oder Jahrhundert-Betrugsaffäre bei einem christlichen Wohlfahrtsverein: Nichts kann den stoischen CEO der „Luxembourg SA“ aus seiner technokratischen Ruhe bringen.
Naja, sagen wir: Zumindest weiß er wie kaum ein Anderer, wie man so tut, als ob alles halb so schlimm ist. 60 Millionen Euro einfach so verschwunden? Staatsbanken, die alles durchwinken? Direktion und Aufsichtsrat, die von nichts gewusst haben wollen? Keine Panik. Jetzt gilt es: Nur nichts überstürzen, erstmal tief durchatmen und der Regierung blind vertrauen!
„D‘Caritas ass net de Staat“, beruhigte #Luc seine doch leicht skandalisierten Untertanen bezüglich des Millionenbetrugs beim sozialen „Dienstleister“. Und falls da doch noch irgendwas ansatzweise an Staat übrig bleiben sollte, werden sich seine Kumpels von PWC in aller Diskretion darum kümmern. Privatisieren, rationalisieren oder einfach komplett abwickeln, lautet die Devise. Oder vielmehr: Alles outsourcen, außer den Skandal an sich. Mitten im Sommerloch geht das sogar weitgehend geräuschlos. #Pssst
HUT ab, Herr Frieden
Man merke: Regieren in Luxemburg kann wirklich so einfach sein. CSV und DP nutzen einen Skandal, um einen der größten Akteure der Sozialpolitik in Windeseile zu liquidieren und durch eine Stiftung zu ersetzen, die wie die Ausgeburt eines feucht-fröhlichen Brainstorming-Events des „Paperjam Club“ anmutet. Verantwortung (#LOL) übernimmt dabei keiner. Und ebenso viele scheint es so recht zu stören.

Andererseits muss man doch anerkennen, dass irgendjemand in der politischen Abteilung von PWC (unter Insidern auch „Ministère d’État“ genannt) durchaus Sinn für Humor hat. Aus lachhaft informierten Satirekreisen verlautet allerdings, dass „HUT – Hëllef um Terrain“ die letzte Kreation von „Richtung 22“ sein soll. Wie so oft droht aber auch diese Aktion des KünstlerInnenkollektivs an der weitverbreiteten Ironieunverträglichkeit der wohlstandsverwahrlosten Luxemburger Gesellschaft zu scheitern. Egal, wir finden: Satire darf alles. Und Humor ist, wenn es trotzdem wahr ist.
Manche Spaßbremsen, die diesen Regierungsstreich nicht verstehen, mögen jetzt denken: „Hëllef um Terrain“, also die Idee schon, dass man sich zur Hilfe erst noch auf den „Terrain“ begeben muss, passt zum sozialen Engagement, wie es sich die Gefolgsleute des liberal-konservativen Komplexes vorstellen. Oder wie es die designierte HUT-Präsidentin Claudia Monti bei RTL ausdrückte: Bei den neuen Terrainhelfern seien Leute dabei, die „schonn iergendwéi mënschlech engagéiert sinn“. Auch wir finden: Menschen, die irgendwie menschlich engagiert sind – das muss als Qualifikation zur Wohltätigkeit reichen.
„Guer net wouer, du A****!!“
Offenbar haben sich auch die Piraten an der Caritas ein Beispiel genommen. Zwar geht es (soweit bekannt) nicht um einen verblüffenden Millionenbetrug mit großem Netflix-True-Crime-Potenzial, sondern lediglich um eine App, zwei Egos sowie Friseur- und Fastfood-Rechnungen auf Staatskosten. Und doch bereiten auch Luxemburgs Piraten offenbar auf Hochtouren die eigene Abwicklung vor. Um bei diesem Prozess Interessenkonflikte definitiv auszuschließen, wurde denn auch nicht PWC, sondern CWC (eine gewisse Firma namens „Clement & Weyer Consulting“) damit befasst.
Laut mäßig informierten Leichtmatrosenkreisen sollen demnach sämtliche von Steuerzahlern erbeutete Piratenfinanzen, und die sechs noch verbliebenen Parteimitglieder, in eine neue Organisation übergehen. Die neue Partei mit dem Namen „GAGA – Goergen ass gäil, Alen“ soll in den kommenden Wochen offiziell präsentiert werden.

Sven Clement weiß von der Neugründung zwar noch nichts. Doch das dürfte daran liegen, dass der hauptberufliche Flugmeilensammler einfach zu beschäftigt ist. Seit dem innerparteilichen Pausenhofstreit (bei dem Goergen Clement Egoismus und Machtgier vorwarf, Clement Goergen mit „Guer net wouer, du A****!!“ antwortete, Goergen wiederum „Zwar dach, selwer A****!!!“ entgegnete, usw.), konzentriert sich der Piraten-Gründervater auf einmal besonders auffällig auf seine parlamentarische Tätigkeit.
Laut seinem #BFF Marc Goergen ist Clement ohnehin der einzige Grund für die ganze Misere. So stellte es der selbstlose Kavalier und Moralfetischist aus Petingen jedenfalls im Interview mit „Radio 100,7“ dar. So richtig ausgepackt hat Marc Goergen aber erst in jenem Qualitätsmedium, das dem stolzen Absolventen der „Trump University“ in seinem unermüdlichen Einsatz für Anstand, Ehrlichkeit und Demut in nichts nachsteht. „Clement ist geldsüchtig“, so der Unschuldsmufflon der Luxemburger Politik im „Exklusiv-Interview“ mit „Privat“.
Non Habemus Cash
Geldprobleme hat offenbar auch der Erzbischof. Also zumindest wenn man seinen Aussagen im Interview mit RTL glauben darf. „Mir hätte jo ni 61 Milliounen Euro fräi fir iergendwou ze iwwerweisen, ne“, sagt Jean-Claude Hollerich. Flüssig ist die Kirche seit der formellen Trennung von Kirche und Staat demnach nicht mehr. Aber ist sie dadurch arm? Das geht auch dem Kardinal zu weit: „Mir hu Patrimoine, mir hunn Haiser an sou weider, mee mir mussen eis Leit domat bezuelen, ne.“
Der Promoteur des Herrn kämpft also mit den gleichen Problemen, wie seine weltlichen Brüder im Geiste, Flavio Becca und Nico Arend: „Mir hu Bauprojeten, mee dat schleeft, dat schleeft, dat kënnt nët erduerch.“ Nicht nur die Leiden teilt der Glaubensvater mit der Immobilienbranche, auch der Habitus scheint ihm zu gefallen. Ob er die dicke Golduhr, die er beim Interview trug, bei Flavio Beccas Uhrenversteigerung ersteigert hat, entzieht sich jedoch unserer Kenntnis. #PontiFlex

Für seine Zurückhaltung in der Caritas-Affäre hat #JCH eine einfache Erklärung: Er wurde schlicht nicht gefragt. Und warum nicht selbst die Initiative ergreifen? Tja, wer will sich schon in die Angelegenheiten von Wildfremden wie der Caritas einmischen? „Ech wollt jo nët mat der Dir an d’Haus faalen“, sagt der Erzbischof.
Nur gut, dass er diesem Beispiel auch in anderen Lebensfragen folgt. Etwa beim Thema Abtreibung. Da würde er sich sicherlich nie eine politische Meinung erlauben. Und schon gar nicht, wenn die Debatte ein anderes Land betrifft. Oder etwa nicht? Das „Luxemburger Wort“ fragte den Kardinal: „Der Papst hat sich zu den US-Wahlen gemeint, Menschen sollten das kleinere Übel wählen. Was ist böse an Kamala Harris?“ (sic!) Die Antwort: „Für mich ist es die Abtreibungsfrage. Ich sage nicht, dass Frauen bestraft werden sollen. Ich kann verstehen, wenn jemand die falsche Entscheidung trifft, aber es bleibt die falsche.“
Um ein Gespräch mit einer vor dem Kollaps stehenden katholischen Stiftung zu suchen, will der scheue Stellvertreter Christi auf Erden also lieber „nët mat der Dir an d’Haus faalen“. Wenn es aber darum geht, allen Frauen auf dieser Welt vorzuschreiben, was sie mit ihren Körpern tun dürfen, dann verwandelt sich die vorgebliche Schüchternheit auf wundersame Weise in politischen Fundamentalismus. Aber hey, die Wege des Herrn sind bekanntlich unergründlich.
Darauf erstmal einen dreifachen Espresso, mit ordentlich Schuss und drei Ave Maria.
Amen und bis zum nächsten Mal.


