Vor Gericht steht derzeit ein Mann, dem Morddrohungen und Belästigungen gegen Politiker vorgeworfen werden. Doch im Prozess geht es nicht nur um die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten, sondern auch um die Frage, ob ein Neuanfang noch möglich ist.

Kaum irgendwo anders wird bedingungslose Liebe sichtbarer als vor Gericht. Dort, wo Angeklagte sich wegen teils schwerer Straftaten verantworten müssen, sitzt nicht selten eine Mutter, die fest zu ihrem Kind hält. So auch im Fall von Samir H.

An einem Dienstagmorgen Anfang Juni wartet die Frau vor dem Gerichtssaal. Wenig später führen Polizisten ihren Sohn in Handschellen über den langen Flur. Als er an ihr vorbeikommt, muss sich Samir H. bücken, um seiner Mutter einen Kuss zu geben. Die Begrüßung dauert nur wenige Sekunden. Dann führen ihn die Beamten weiter – hinein in den Gerichtssaal, auf die Anklagebank.

Die Liste der Vorwürfe, mit denen sich der 31-Jährige vor Gericht konfrontiert sieht, ist lang. Er soll mehr als ein Dutzend Menschen belästigt, beleidigt und bedroht haben. Zu den mutmaßlichen Opfern zählen politische Amtsträger, darunter die Bürgermeisterin von Sassenheim, Simone Asselborn-Bintz (LSAP), der Abgeordnete und LSAP-Co-Parteipräsident Georges Engel sowie die Escher Gemeinderätin Daliah Scholl (DP).

Gegen andere Personen, wie den Sassenheimer Schöffen Steve Gierenz (LSAP) und einen Psychiater, soll er sogar klare Todesdrohungen ausgesprochen haben. Zudem werden ihm Bombendrohungen und Amtsanmaßung zur Last gelegt.

Ein Leben aus den Fugen

Vor das Richterpult tritt ein geständiger Mann. Er entschuldigt sich und spricht von Fehlern, die ihn hierhergebracht hätten. Nach seiner Haft wolle er wieder arbeiten, sich einen Hund anschaffen und sein Leben neu ordnen. Er wolle sich nicht länger von den sozialen Medien beeinflussen lassen – und keine Drogen mehr nehmen.

Nach Einschätzung eines psychiatrischen Gutachters leidet Samir H. an einer latenten Psychose, die durch Drogenkonsum ausgelöst werden kann. Gerät die Krankheit in einen Schub, verändern sich Wahrnehmung, Denken und Handeln so stark. „Wenn ich keine Drogen nehme, dann bin ich normal. Sobald ich mit Koks anfange, bin ich nicht mehr derselbe“, erklärt es Samir H. selbst. Im Zuschauerbereich hört die Mutter zu.

Et deet mer ëmmer leed bei sou Affären, well ech menge wierklech, dat Dir kee schlechte Fong hutt.“
Vorsitzende Richterin

Die Frau sieht ihren Sohn nicht zum ersten Mal vor Gericht. Der Angeklagte ist bereits mehrfach vorbestraft. Dabei hätte sein Leben auch anders verlaufen können. Nach Informationen von Reporter.lu begann Samir H. zunächst eine Ausbildung bei der Gemeinde Sassenheim, verlor die Stelle jedoch wieder …