Ein anderer „Wochenrückblick“ ist möglich: Pünktlich zum Regierungsjubiläum blickt unsere Redaktion mit einem Augenzwinkern auf Schlagzeilen zurück, die uns besonders beschäftigten. Dieses Mal: die Verwandlung des Premiers und das unschlagbare Team Lëtzebuerg.
Wie die Zeit vergeht. Es kommt einem vor, als sei es gestern gewesen, dass der „neue Luc“ – samt offenem Hemdkragen und lässigen Sneakers – das Land verzauberte. Dabei regiert er jetzt schon ein ganzes Jahr. Und es ist viel passiert. Es gab den „Sennenger Geescht“ und einen „Dësch“ für jede erdenkliche Gelegenheit. Luxemburg diskutierte über „Heeschertern“, die Steuertabelle und die Caritas und zwischendurch auch noch über den Papst.
Und Luc war immer mittendrin. Oder wie der Premierminister selbst gerne sagt: „Ech schwätze vill mat de Leiden.“ Grund genug für nahezu alle Medien des Landes, den Regierungschef nach einem Jahr im Amt zu interviewen. Er sei selbst ein bisschen überrascht gewesen, was man schon so alles im ersten Jahr in die Wege geleitet habe, meinte Luc Frieden bei „Radio 100,7“. Doch wirkliche Fehler konnte er in seinem ersten Amtsjahr eigentlich keine erkennen. Also fast keine.
Das „Heescheverbuet“ an sich war nicht das Problem, sondern nur, dass die Maßnahme am Anfang so „isoliert“ da gestanden habe, meinte Luc Frieden. „Dat hätt ee réckbléckend anescht maache kënnen.“ Die Optik ist das, was zählt, und nicht die eigentliche Politik. Es ist ein bisschen so, wie wenn man jahrelang ein gefühlskalter und zugeknöpfter Finanzminister war und dann knöpft man das Hemd ein bisschen auf und geht auf die „Foire Agricole“ und dann… Ach, lassen wir das.
Auch bei der Caritas-Affäre gab es optische Probleme. Etwa den Satz, dass die Caritas keinen einzigen Euro mehr vom Staat bekomme. Nicht, dass der Satz sich im Nachhinein als Lüge erwiesen habe, sei das Problem, sondern eher das Feeling. Ihm sei bewusst, dass „dee Saz do ganz haart eriwwer komm ass“ und er ihn heute wahrscheinlich anders formulieren würde. Vielleicht fällt es dem „neie“ Luc im neuen Jahr ja etwas leichter, weniger oft falsch verstanden zu werden. Bei so einem harmlosen Thema wie der Pensionsreform dürfte es da eigentlich keine rhetorischen Stolpersteine geben. Toi, toi, toi.
Intellectual Heavy-Weight Championship
Falsch verstanden fühlt sich auch Fred Keup. Und das sogar fast immer und fast ausschließlich von „de Medien“. Grund genug, dem rechten Politiker eine halbe Stunde Sendezeit im Morgenprogramm zu schenken, dachte sich „RTL“. Also zumindest fast. Dann was wäre unsere Debattenkultur ohne ein zünftiges „Face-à-Face“. Eine Forderung, die Fred Keup im Wahlkampf selbst ständig vortrug, wurde ihm jetzt erfüllt. Und während sich vergangene Woche bei einem bekannten Streaming-Dienst Mike Tyson und ein Youtuber gegenüberstanden, musste es Fred Keup mit dem Künstlerschwergewicht Serge Tonnar aufnehmen.
Die Schwurbel-Olympiade bei „RTL“ war dabei prallgefüllt mit intellektuellen Perlen. Wussten Sie etwa, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg keine Nazis mehr geben kann, weil es die ja nur im Zweiten Weltkrieg gab und wir ja danach leben? Fred Keup weiß so etwas. Und auch auf die Frage, ob die Erde rund oder eine Scheibe ist, hat Fred Keup als ehemaliger Geografielehrer natürlich eine Antwort: „D’Fro wier eigentlech, wann een der Meenung ass, dass d’Äerd platt ass, da kann een de Kapp doriwwer rëselen, mee och déi Meenung kann een hunn. Och wann se faktesch falsch ass.“
Knallharter Faktencheck
Bei so viel Interpretationsspielraum könnte man fast ein wenig neidisch auf die ehemaligen Schüler von Fred Keup werden. Viel Raum für Interpretation lässt laut Fred Keup auch das „SHAEF“-Symbol zu, das vor den Wahlen den WhatsApp-Account des jetzigen ADR-Abgeordneten Dan Hardy zierte. Damals sagte Fred Keup, das sei ihm „komplett wurscht“. Und heute?
Heute bleibt er eigentlich dabei. „Dat war eng Debatt, déi komplett un den Hoer erbäigezu war. Et war jo weder een Nazi-Symbol nach soss iergendeppes. Dat war ee Symbol, dat benotzt ginn ass, fir wärend der Corona-Pandemie géint déi Moossnamen, déi ergraff gi sinn, e Mécontentement auszedrécken. Méi war dat net“, so Fred Keup.

Nur gut, dass „RTL“ diese Aussage direkt einem Faktencheck unterzieht und seiner Falschdarstellung gekonnt widerspricht. Oder? Oder? Ok, dann muss die Retrospect-Redaktion ran. Der deutsche Verfassungsschutz ordnet das „SHAEF“-Symbol der Reichsbürgerszene zu. Die Verschwörungstheorie der Reichsbürger geht davon aus, dass Deutschland in Wirklichkeit kein eigenständiges Land ist, sondern die Rechtsform einer „GmbH“ hat und weiterhin eigentlich von den USA besetzt wird.
Um auf diese vermeintliche Besatzung hinzuweisen, nutzen sie das ehemalige Symbol des „Supreme Headquarters, Allied Expeditionary Force“ (SHAEF), dem Oberkommando der alliierten Streitkräfte in Europa während des Zweiten Weltkrieges. Teile der Reichsbürgerszene waren während der Corona-Pandemie davon überzeugt, dass das Oberkommando während der Pandemie die Fäden in Deutschland zog. Was das jetzt mit Luxemburg zu tun hat, müssen Sie jedoch Dan Hardy fragen.
Xav weiß, wo der Schuh drückt
Nur wenig mit Luxemburg zu tun hat mittlerweile auch Xavier Bettel. Denn als Außenminister muss er sich als Kapitän des „Team Lëtzebuerg“ um die Krisenherde der Welt kümmern. Auch wenn, wie das „Luxemburger Wort“ titelte, der Nahost-Konflikt vielleicht eine Nummer zu groß für den Bürgermeister der Herzen ist. Das hält Xav jedoch nicht davon ab, sich zu engagieren.
Nachdem der Außenminister zunächst Israel und die Westbank besucht hatte, war er danach in einem weiteren Krisenherd zu Besuch. Und der war diesmal sogar innerhalb der Landesgrenzen. Er stattete nämlich dem gebeutelten Einzelhandel einen Besuch ab. Denn das Schuhgeschäft seiner Kindergartenfreundin Corinne feiert 100 Jahre und da ließ es sich der oberste Chef der Diplomatie nicht nehmen, eine Rede zu halten. Wenn sonst schon niemand auf den Friedensminister hört, auf alte Freunde ist zumindest Verlass. #Zesummen
Apropos Team Lëtzebuerg. Die „Rout Léiwen“ wissen, womit sie ihrem Anhang eine Freude machen können. Nein, nicht mit einer erfolgreichen Nations-League-Kampagne, da muss sich der geneigte Luxemburger Fußballfan nach erfolgsverwöhnten Jahren wohl wieder auf Magerkost einstellen. Doch endlich gibt es wieder Auswärtsfahrten in sonnige Gefilde. Vergessen sind die wenig erbaulichen Reisen nach Minsk, Sofia und Belfast – Valletta, wir kommen!
Zum Glück hat Luc Holtz nicht auf all die Nationaltrainer da draußen gehört und wieder auf den King gesetzt. Dabei kamen dem König und seinem Hofmarschall wohl gelegen, dass das Berufungsverfahren gegen Gerson R. von Mitte November auf das nächste Frühjahr vertagt wurde. Auf negative Presse kann man schließlich gut verzichten und wieder einnetzen. Oder wie es der King himself formuliert: „Natürlich sage ich, dass ich der Boss bin. Aber mein Ego zur Seite. Ich kann keine 23 Tore allein schießen. Das ist die Leistung der ganzen Mannschaft“. Xav hätte es nicht besser formulieren können. #TeamLëtzebuerg.


