Der neue Bildungsbericht legt den Finger in die Wunde des Luxemburger Schulsystems. Die geplante optionale Alphabetisierung auf Französisch kann dabei nur ein Teil der politischen Antwort sein. Dem Ministerium fehlt ein Gesamtkonzept. Eine Analyse.
Neue Sektionen, neue öffentliche Europaschulen und nun auch eine Alphabetisierung auf Französisch: Auf die Ungerechtigkeiten des Luxemburger Bildungssystems antwortet Claude Meisch (DP) stets mit einem größeren Angebot. Für jedes Kind soll es demnach eine passende Schule geben, ohne dass das veraltete Schulsystem grundsätzlich umgekrempelt werden muss. Der Bildungsminister verspricht sich davon, so auf die wachsende Diversität der Schülerschaft antworten zu können.
Doch Studie um Studie wird vor allem eins deutlich: Mit den neuen Angeboten schafft das Ministerium hauptsächlich bessere Chancen für Kinder des Bildungsbürgertums. Die Sprache des Elternhauses spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Weiterhin gilt in Luxemburg, dass der schulische Erfolg zwar nicht allein, aber doch maßgeblich und stärker als in anderen Ländern vom sozioökonomischen Hintergrund abhängt.
Das geht auch aus dem neuen nationalen Bildungsbericht hervor, der mittlerweile vierten Ausgabe. Auf insgesamt 225 Seiten nehmen mehrere Bildungsforscher darin das Luxemburger System unter die Lupe. Das Sammelwerk setzt einen Schwerpunkt auf Diversität und Inklusion im Schulwesen. Einige Beiträge gehen somit auch der Frage nach, inwiefern die Reformen der letzten Jahre der Vielfalt der Schülerschaft gerecht werden.
Europaschulen als Scheinlösung
Im Jahr 2016 wurde in Differdingen die „Ecole internationale de Differdange“ eröffnet. Seitdem sind fünf weitere öffentliche Europaschulen entstanden. Rund zehn Prozent der Schüler besuchen mittlerweile ein internationales Schulsystem, zu dem auch diese staatlichen Einrichtungen gehören – Tendenz steigend. Die Zusammensetzung der Schülerschaft unterscheidet sich dabei grundsätzlich von jener des regulären Schulsystems. Das ist auch politisch gewollt, wenn auch nicht ganz so, wie es sich jetzt darstellt.
Rund ein Viertel der Schüler im europäischen System sind keine EU-Staatsbürger. Im Vergleich dazu stellen portugiesische Staatsangehörige mit 15 Prozent in der Grundschule und 19 Prozent in der Sekundarschule die größte Gruppe von ausländischen Bürgern im regulären Schulsystem. In der Europaschule machen sie hingegen acht bzw. 15 Prozent aus. Der Anteil von französischen Schülern ist dort hingegen höher. Zudem ist allgemein die Vielfalt von Nationalitäten in den internationalen Schulen deutlich größer als im regulären System.
Ob die besonders von Bildungsungleichheiten betroffenen Gruppen von den Reformmaßnahmen erreicht werden können, bleibt mitunter eine offene Frage.“
Nationaler Bildungsbericht
Wirklich divers sind die internationalen Schulen trotzdem nicht. Denn anders als erhofft, erreicht das Angebot vor allem Kinder aus höheren sozialen Schichten. Das zeigt sich bereits in der Grundschule und wird im Lyzeum umso deutlicher …
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