Die Lehrergewerkschaften klagen über unzumutbare Zustände in den Klassenräumen. Grund seien schwer zu unterrichtende Kinder. Deshalb sollten diese vom regulären Schulbetrieb ausgeschlossen werden. Doch damit ist das Problem nicht gelöst.

„Stop. Inklusioun huet hir Grenzen.“ Unter diesem Motto macht derzeit das „Syndicat national des enseignants“ (SNE) auf die Arbeitsbedingungen des Luxemburger Schulpersonals aufmerksam. Dieses stehe kurz vor dem Burnout und den Grund dafür sieht die Lehrergewerkschaft vor allem in der Inklusionspolitik der Regierung. Bei den Lehrern und Lehrerinnen trifft die Kampagne einen wunden Punkt. Die Kritik ist verkürzt, aber aus Sicht der Lehrkräfte durchaus berechtigt. Sie fühlen sich vom Bildungsministerium alleingelassen und fordern deshalb einfache Lösungen für komplexe Probleme.

Fast ein Drittel aller Lehrer, die an einer Studie der Universität Luxemburg teilnahmen, gaben an, kurz vor einem Burnout zu stehen. Fast ein Viertel vermerkte zusätzlich, dass die größte Herausforderung im Berufsalltag der Umgang mit der Heterogenität der Schülerschaft sei. Damit ist in erster Linie das Unterrichten von Schülern mit spezifischen Bedürfnissen, mit Lernschwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten gemeint.

Die Ergebnisse der Studie sprechen für die Gewerkschaften eine klare Sprache: Die Inklusion ist schuld an der Überlastung der Lehrkräfte. Dabei wurden die Lehrer, die angaben, dass sie kurz vor einem Burnout stehen, gar nicht gefragt, was der Grund dafür sei. Doch die Datenlage ist nicht nur in diesem Punkt dünn. Denn in Luxemburg gibt es kaum zuverlässige Daten zu Schülern mit spezifischen Bedürfnissen. Die Debatte ist wohl gerade auch deshalb so aufgeladen.

Vom Ideal zum Hindernis

„Die Zukunft sollte sein, dass Inklusion selbstverständlich wird, aber an ihre Grenzen stößt, wenn dadurch das Wohlbefinden anderer Schüler, der Lehrer oder des Schülers selbst gefährdet wird“, sagt Joëlle Damé im Gespräch mit Reporter.lu. Die Präsidentin des „Syndikat Erziehung und Wissenschaft“ (SEW) vom OGBL versucht, in die Debatte zur Inklusion eine differenzierte Meinung einzubringen. Sie bekenne sich aber weiterhin zur Inklusion als Menschenrecht. Doch auch für sie ist klar: „Systemsprenger“ benötigen andere Lösungen als einen regulären Unterricht.

Es werden viele Ressourcen in die Inklusion gesteckt, die Frage ist, ob sie auch dort ankommen, wo sie tatsächlich gebraucht werden.“Martine Frising, Pädagogin

Aus Sicht der Lehrer hat die Zahl von verhaltensauffälligen Kindern, die den Unterricht stören, in den vergangenen Jahren stark zugenommen. „Während es vor ein paar Jahren noch ein Schüler pro Schule war, wurde es in den letzten Jahren eher zu einem Schüler pro Zyklus und inzwischen einem pro Jahrgang“, fasst Joëlle Damé die Lage zusammen. Belege dafür gibt es allerdings nicht, denn Zahlen zur tatsächlichen Entwicklung von verhaltensauffälligen Kindern werden nur zum Teil erhoben.

„Die Diagnose ‚Systemsprenger‘ gibt es nicht. Durch die „Centre socio-thérapeutique“ und Kompetenzzentren können wir allerdings die allgemeine Zahl der Schüler, die eine spezifische Betreuung erhalten, nachvollziehen“, sagt Laurent Dura, der Direktor der Abteilung für schulische Inklusion im Bildungsministerium, im Gespräch mit Reporter.lu. Doch nicht alle verhaltensauffälligen Kinder werden in diesen Strukturen betreut.

Bereits für die Diagnose werden in der Regel zehn Monate benötigt, erst danach können Alternativen zur regulären Schule gesucht werden. Dafür benötigt man jedoch zusätzlich die Einwilligung der Eltern und zudem muss auf regionaler Ebene ein Platz zur Verfügung stehen. Die offiziellen Statistiken unterschätzen dadurch zwangsläufig das Problem. Dies solle allerdings nicht bedeuten, dass das Ministerium die Beschwerden der Lehrer nicht ernst nehme, so Laurent Dura.

Frust trotz Einstellungsoffensive

Der Forderung der Lehrer will das Ministerium zum Teil entgegenkommen. „Für diese Kinder gehört die Schule nicht mehr zu ihren Prioritäten. Ein zeitlich begrenzter, partieller oder kompletter temporärer Ausschluss aus der Schule wird dann nötig“, sagt deshalb auch Patrick Remakel im Gespräch mit Reporter.lu. Für den Vorsitzenden der Gewerkschaft SNE ist klar, dass die Inklusion in diesen Fällen nicht mehr möglich ist – zumindest nicht mit den Ressourcen, die den Lehrern zurzeit zur Verfügung stehen.

Die Debatte über Inklusion in der Schule wird zunehmend auf verhaltensauffällige Kinder reduziert, finden Anne-Marie Müller und Martine Frising vom „Observatoire national de l’enfance, de la jeunesse et de la qualité scolaire“. (Foto: Mike Zenari)

Dabei hat das Ministerium in den letzten zehn Jahren die Investitionen für die Inklusion von Schülern mit spezifischen Bedürfnissen deutlich nach oben geschraubt. „Für das Schuljahr 2017/2018 waren noch 700 Vollzeitäquivalente-Stellen in dem Bereich aktiv, inzwischen sind es 1.700“, sagt Laurent Dura vom Bildungsministerium. Doch offensichtlich reicht dies nicht aus. Die Zeit bis zur Diagnose hat das Ministerium vor einem Jahr per Gesetz auf drei Monate reduziert. Zusätzlich soll in den nächsten Jahren die Zahl von therapeutischen Zentren von acht auf elf steigen. Im Schnitt können dort jeweils sechs schwer zu unterrichtende Kinder betreut werden. Außerdem werden noch weitere 150 Erzieher-Stellen ausgeschrieben, die in den Schulen bei der Betreuung von Kindern mit spezifischen Bedürfnissen helfen sollen.

Doch die Einstellungsoffensive und Reformen haben offensichtlich die Lehrerschaft nicht beruhigt. Warum sonst sollten die Gewerkschaften weiterhin den Weg des Ausschlusses von Schülern bevorzugen? „Damit die Inklusion gelingt, wünschen sich Lehrer mehr Ressourcen und kleinere Klassen. Für verhaltensauffällige Kinder wollen sie oftmals, dass diese außerhalb des Regelunterrichts von zusätzlichem spezialisiertem Personal betreut werden“, fasst Anne-Marie Müller vom „Observatoire national de l’enfance, de la jeunesse et de la qualité scolaire“ die Lage zusammen.

Eine Frage des Systems

„Was im Schulsystem führt dazu, dass es überhaupt Systemsprenger gibt?“, fragt ihre Kollegin Martine Frising im Gespräch mit Reporter.lu. Sie kehrt somit die Fragestellung um. Anstatt diese Schüler aus dem System auszuschließen, solle man sich eher fragen, wie man die Schule verbessern könnte, damit sie auch ein Ort für diese Kinder wird, so die Forscherin von der Beobachtungsstelle. Dafür müssen auch nicht zwingend mehr Mittel genutzt werden. „Es werden viele Ressourcen in die Inklusion gesteckt, die Frage ist, ob sie auch dort ankommen, wo sie tatsächlich gebraucht werden“, sagt Martine Frising.

Le dispositif d’inclusion sera développé afin de mettre davantage de ressources à la disposition des enfants et aux professionnels.“Koalitionsprogramm von CSV und DP

Die „Systemfrage“ wird in der Debatte allerdings kaum gestellt. Joëlle Damé vom SEW sieht das Problem außerhalb der Schule. Es gebe keine soziale Durchmischung mehr. Die Wohnungskrise führe dazu, dass Kinder aus sozio-ökonomisch schlecht gestellten Familien dieselben Schulen besuchen. Dadurch würden sich auch die Problemfälle in manchen Schulgebäuden häufen, die dann lokal zu Überforderung führen könnten.

Eigentlich müsste sich dieser Umstand auch in der außerschulischen Betreuung zeigen. Doch das Personal der „Maisons Relais“ bleibt in dieser Frage erstaunlich ruhig. Mehr noch, im Gegensatz zu den Lehrern gaben Erzieher, die sich in den Schulen um die Betreuung von Kindern mit spezifischen Bedürfnissen kümmern, in einer Studie des „Observatoire national de l’enfance, de la jeunesse et de la qualité scolaire“ an, dass die Betreuung von verhaltensauffälligen Kindern für sie nicht zu den Bereichen gehört, in denen sie sich unfähig fühlen. Es bleibt demnach bei den Schilderungen von Lehrkräften, deren alltägliches Praxiserleben oft durch das Empfinden schwer zumutbarer Zustände geprägt ist.

Kollateralschäden einer Debatte

Während Bildungsminister Claude Meisch (DP) versucht, die Gewerkschaften mit der Einstellung von zusätzlichem Personal zu beruhigen, könnte die Debatte bereits jetzt zu unerwünschten Folgen führen. „Ich fürchte, dass durch die Kampagne bei Eltern Angst aufkommt, dass ihre Kinder in der Schule nicht gut aufgehoben sind, obwohl die Inklusion für viele Schüler gut funktioniert“, sagt Martine Frising.

Zwar machen die Lehrergewerkschaften stets darauf aufmerksam, dass die Inklusion nur im Falle von „Systemsprengern“ nicht funktioniere, aber die verkürzte Kampagne des SNE könnte das Gegenteil bewirken. Dadurch könnten sich etwa auch Eltern von Schülern mit einer Sehschwäche, einer körperlichen Behinderung oder einer Lernschwäche fragen, ob ihr Kind in einer Regelschule gut aufgehoben ist, wenn die Lehrer sich über Inklusion beschweren.

Dabei gehört Luxemburg zurzeit zu den Ländern mit einer der höchsten Inklusionsraten in Europa. Weniger als ein Prozent von Kindern mit spezifischen Bedürfnissen wird ausgeschlossen. Ob dies so bleibt, wird der weitere Verlauf der Debatte zeigen.


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