Die tägliche Überdosis schrecklicher Nachrichten lässt viele verzweifeln. Sind die Zeiten wirklich so schlimm, oder spielt unsere Psyche uns einen Streich?

Von Johanna Adorján (Süddeutsche Zeitung)

Vor ein paar Wochen brauchte ich mal einen Break. Ich weiß nicht mehr, was genau den Anstoß gab, aber mir war nach Aussterben der Menschheit zumute. Oder, was ich nicht selten die schlimmere Vorstellung finde, nach der völligen Zerstörung unseres Planeten. Irgendwie war mir die Sache mit dem Plastikmüll auf die Seele geschlagen. Die Bilder von toten Walen, in deren Mägen man kiloweise Plastik fand. Aber es war nicht nur das. Da war kurz zuvor das Video von dem mutmaßlichen Giftgasanschlag in Syrien, das ich versehentlich angeklickt hatte. Dann diese ganze Antisemitismus-Sache, die plötzlich so nahe gerückt war, ist. Die tausenden Toten im Mittelmeer. Der Hass der AfD-Wähler, den man so schwer nachvollziehen kann, weil sie in einem der reichsten Länder leben, keinen Krieg kennen, keinen Hungertod fürchten müssen, keine Seuchen etc. Wolf Biermann hat mal in einem Spiegel-Interview plausibel dargelegt, dass dies dieselben Menschen seien, die in der DDR immer kuschen mussten und nichts zu melden hatten, und dass sich deren jahrzehntelang angestauter Frust nun anderswo Bahn bricht, als Hass auf Angela Merkel. Dann wiederum wird nicht nur in den jüngeren Bundesländern AfD gewählt. Und nicht nur von älteren Menschen.

Schwer auszuhalten, das Selbstbewusstsein der neuen Rechten, das Dumpfe, das Aggressive darin, das Dumme auch, wenn man sich anhört, was ihre Abgeordneten im Bundestag sagen, ihr ständiges Gegenreden gegen Dinge, die niemand je behauptet hat, ihr Argumentieren mit Fakten, die nicht zutreffen, weshalb es keine Fakten sind sondern Lügen. Vielleicht haben Sie das BBC-Interview mit Beatrix von Storch gesehen, das gerade durch die sozialen Netzwerke geistert. Darin sieht man eine Person, die dem Wahnsinn anheim gefallen ist: mit wild aufgerissenen Augen stößt sie da, auf die niedrige Kriminalrate in Deutschland angesprochen, Unwahrheiten aus, finstere Lügenmärchen, wird immer lauter dabei und herrscht die Moderatorin schließlich an, sie nicht anzuschreien, was diese nachprüfbar nicht tat.

Man muss aufpassen, nicht abzustumpfen und alles innerlich nur noch durchzuwinken in diesen Zeiten der verdrehten Wahrheit. Womit wir bei Donald Trump sind, den wir nun schon so lange ertragen, auch hier, weit weg von Washington aber ganz nah an Twitter. Seine jüngsten Taten, oder die seiner Regierung, inzwischen verlogen revidiert, sprengten dann noch mal den ohnehin schon krass erweiterten Rahmen der Vorstellungskraft. Eltern zu sagen, man wolle ihre Kinder nur kurz baden, um sie dann in so genannten „Tender Age“-Lagern zu internieren. Dreijährige, Babys von ihren Familien zu trennen und zu behandeln wie Verbrecher. Der amerikanischen Journalistin Rachel Maddow versagte vor laufender Kamera die Stimme, als sie die Agenturmeldung vorlesen wollte. Sie hat stellvertretend für alle geweint, die noch unterscheiden zwischen dem, was bis vor wenigen Monaten normal war, und dem kompletten Irrsinn unserer Tage.