Politische Affären, internationale Recherchen und die Wahlen: Das waren die Themen, die 2023 bei unserer Leserschaft auf besonderes Interesse stießen. Wir präsentieren die meistgelesenen Artikel von Reporter.lu der vergangenen zwölf Monate.

Ein guter Rotwein zum Lunch, etwas Gin beim abendlichen Beisammensein und Schokolade als Mitbringsel für zu Hause – und das oft auf Kosten der Steuerzahler: „Die Spesen des Franz Fayot“, eine exklusive Recherche der Journalistin Charlotte Wirth, stieß bei den Lesern von Reporter.lu auf großes Interesse und brachte den Entwicklungshilfeminister in Erklärungsnot.

Bei seinen Auslandsreisen ließ sich der LSAP-Politiker die Ausgaben in Restaurants, Bars und im Flughafenshop wiederholt vom Staat erstatten. Die kontroverse Praxis des Ministers, in Kombination mit einer fragwürdigen Kommunikation, sei symptomatisch für das Image einer abgehobenen Politikerklasse, beurteilte Christoph Bumb, Chefredakteur von Reporter.lu, die Affäre in einem Kommentar.

Wie Recherchen von Reporter.lu zeigten, war Franz Fayot kein Einzelfall. Auch andere Minister hatten ihren eigenen Stil, mit Spesen umzugehen. So verrechnete auch der frühere Vizepremier Etienne Schneider wiederholt hohe Ausgaben, die nicht im direkten Zusammenhang mit der Ausübung seines Amtes standen, auf Staatskosten. Die ehemalige Gleichstellungsministerin Taina Bofferding nutzte das Budget ihres Ministeriums, um sich in den sozialen Medien in Szene zu setzen.

Xavier Bettel (DP) hingegen profitierte von Amts wegen von „den Privilegien des Premiers“. Bei den anderen Regierungsmitgliedern gab es nur vereinzelt Spesen, die bei der umfangreichen Recherche ins Auge fielen. Auffällig war jedoch, wie unterschiedlich die einzelnen Regierungsmitglieder mit den Anfragen zu ihren Ausgaben umgingen – manche sabotierten die journalistische Arbeit mit Absicht.

Interessenkonflikte und Russland-Connections

Ebenfalls vom Staat finanziert, weil subventioniert, ist das „Science Center“ aus Differdingen, das Reporter.lu das ganze Jahr über beschäftigte. Die Affäre begann mit der exklusiven Recherche des Journalisten Pol Reuter im März 2023. Der Artikel „Science for Finance“ enthüllte die Missstände und Interessenkonflikte rund um das Wissenschaftszentrum und das ganz auf seinen Gründer Nicolas Didier zugeschnittene Firmenkonstrukt.

Die Enthüllungen riefen denn auch die Politik und die Justiz auf den Plan: Die Staatsanwaltschaft leitete eine Voruntersuchung in die Wege, Bildungsminister Claude Meisch (DP) kündigte die Konvention mit dem Verein hinter dem Science Center auf und zwang die Verantwortlichen zu neuen Verhandlungen über die Zukunft des Zentrums.

Um Interessenkonflikte ging es auch bei einer weiteren exklusiven Recherche von Charlotte Wirth. Im Artikel „Die obskure Körperschaft“ zeigte die Journalistin die teils fragwürdigen Verbindungen einiger Mitglieder des Staatsrates zur Wirtschaft auf. Besonders hervor stach dabei Ex-Minister Lucien Lux. Der LSAP-Politiker hatte noch vor der Abstimmung im Staatsrat ein Gutachten zu einem Gesetzentwurf an seinen engen Geschäftspartner, den Unternehmer Flavio Becca, geschickt.

Der Vorfall blieb nicht ohne Folgen. Nach Veröffentlichung des Artikels auf Reporter.lu schaltete der Staatsrat zum ersten Mal in seiner Geschichte seinen Ethikrat ein und strafte, ebenfalls zum allerersten Mal, ein Mitglied, in dem Fall Lucien Lux, mit einer Rüge ab.

Die geschäftlichen Beziehungen zwischen dem Staatsratsmitglied Lucien Lux und dem Unternehmer Flavio Becca standen im Fokus der Recherche „Die obskure Körperschaft“. (Foto: Mike Zenari)

Ein anderer früherer LSAP-Minister stand dann im Mittelpunkt eines Artikels von Luc Caregari, der im Rahmen einer internationalen Recherche entstand. In „Der heikle Millionenvertrag des Etienne Schneider“ enthüllte der Journalist von Reporter.lu, dass der frühere Vizepremier kurz nach Beginn des Ukrainekriegs einen millionenschweren Beratervertrag mit zwei russischen Oligarchen-Familien schloss, deren Konzern Russlands Angriffskrieg aktiv unterstützt. Die „Cyprus Confidential“-Recherche förderte darüber hinaus zutage, dass der Film „Where is Anne Frank“, eine Luxemburger Koproduktion, heimlich auch durch den russischen Oligarchen Roman Abramowitsch finanziert wurde.

Fragwürdige Verbindungen zu russischen Geschäftsleuten unterhielt auch der Luxemburger Unternehmer Patrick Hansen, der im Visier einer anderen internationalen Recherche stand. „Der talentierte Mr. Hansen“, Gründer des Privatjet-Unternehmens „Luxaviation“, schaffte seinen Aufstieg gemäß den Nachforschungen von 15 Medien, darunter Reporter.lu, durch ein Konstrukt aus Hunderten Offshore-Firmen und dank Fonds russischer Geldgeber.

Der Einfluss Russlands in Luxemburg war ebenfalls Gegenstand einer weiteren Recherche von Reporter.lu und anderen internationalen Medien. Der Artikel „Der heikle Dienstleister der eSanté“ von Luc Caregari und Laurent Schmit befasste sich mit dem Verdacht der russischen Unterwanderung im Luxemburger Staatsapparat. Im Fokus der Recherche stand ein IT-Unternehmen, das gegen EU-Sanktionen verstoßen haben soll. Besonders heikel war dabei der Umstand, dass die Firma auch die Telemedizin-Plattform der Gesundheitskasse CNS entwickelt hatte und so ein möglicher Zugriff auf sensible Personendaten im Raum stand.

Beamte auf Abwegen und ein Markt in der Krise

Missstände und Probleme in staatlichen Verwaltungen sind Themen, mit denen Reporter.lu sich seit jeher beschäftigt. Auch 2023 war dies der Fall. Besonders die Recherchen um die Steuerverwaltung stießen dabei auf reges Interesse. Der Journalist Laurent Schmit wusste dabei von „Überlasteten Beamten und einer verschlafenen Digitalisierung“ zu berichten, während die Kollegin Véronique Poujol exklusiv die „Absetzung“ von Direktorin Pascale Toussing und ihre Hintergründe enthüllte.

Pit Scholtes seinerseits befasste sich mit einem ganz besonderen Fall. Im Artikel „Chaotische Zustände bei der Zollbehörde“ beschrieb der Journalist, wie eine Außenstelle des Zolls von dort stationierten Beamten für private Zwecke genutzt wurde. Ebenfalls besonders war der Fall einer jungen Beamtin der „Direction de l’immigration“, die mithilfe ihrer Kollegen das „Pointage“-System missbrauchte, um auf mehr Arbeitsstunden zu kommen, als sie eigentlich leistete.

Für die Recherche „In der Überbrückungsfalle“ unterhielt sich Reporter.lu mit mehreren Personen, die durch steigende Kreditzinsen in Zusammenhang mit ihren „Credit relais“ in finanzielle Not gerieten.  (Foto: Mike Zenari)

Ein anderes Thema, dem sich unsere Redaktion auch 2023 intensiv widmete, waren die Ausmaße der Wohnungskrise in Luxemburg. Dabei zog auch der im Vorjahr von Reporter.lu exklusiv enthüllte Fall des bankrotten Immobilienunternehmens „Cenaro“ weitere Kreise. Im Artikel „Après Cenaro, d’autres affaires Cenaro en devenir“ zeigte die Journalistin Véronique Poujol auf, dass die zwischenzeitlich inhaftierten Verantwortlichen von Cenaro ihre Dienste auch anderen Immobilienentwicklern zur Verfügung gestellt hatten.

Während die Ermittlungen der Justiz gegen die Geschäftsleute auf Hochtouren laufen, wissen die Betroffenen ihres Handelns nicht, wie es weitergeht: Dutzende Baustellen stehen still, Handwerker sitzen auf unbezahlten Rechnungen und Käufer stehen vor unfertigen Wohnungen. Auch ein Jahr später befanden sich viele Käufer in einer schwierigen Situation.

In einer ebenfalls verzweifelten Lage befinden sich viele Haushalte, die beim Kauf einer Immobilie einen sogenannten Überbrückungskredit abgeschlossen haben. Angesichts der „Zeitenwende auf dem Wohnungsmarkt“ und der „neuen Polykrise“ im Sektor, wie der Journalist Pit Scholtes es in seinen Analysen ausdrückte, finden sie keinen Käufer für ihre alte Immobilie, während die steigenden Zinsen ihres „Credit relais“ sie in finanzielle Not bringen. Gegenüber Reporter.lu erzählten mehrere Betroffene, wie sich ein Leben „In der Überbrückungsfalle“ anfühlt.

Ein Comeback und die Zerstörung der Grünen

Last but not least, stießen auch die Artikel von Reporter.lu in Zusammenhang mit den National- und den Kommunalwahlen auf großes Interesse. Allen voran die Reportage vom 8. Oktober, als unsere Journalisten auf den Events der verschiedenen Parteien unterwegs waren und die Stimmung des Wahlabends sowie die Reaktionen auf die Resultate einfingen und Luc Friedens „Rückweg zur Macht“ beschrieben. Wahlverlierer waren unzweifelhaft Déi Gréng. In einer viel beachteten Analyse zeigte Laurent Schmit auf, wie es zu dieser „Zerstörung der Grünen“ kommen konnte.

Wie es nach den Wahlen weitergehen sollte, dem widmeten sich Christoph Bumb und Laurent Schmit in ihrem Artikel „Erst die Wahlen, dann die Wahrheit“. Grundlage waren die düsteren Prognosen zu den Staatsfinanzen, die CSV und DP in die missliche Lage brachten, ihre Wahlversprechen nicht einhalten zu können.

Was die neue Koalition konkret umsetzen will, daraus machte sie lange ein Geheimnis. Selbst den Koalitionsvertrag wollte Premier Luc Frieden erst öffentlich machen, nachdem er im Parlament Erklärungen dazu abgegeben hatte. Der Plan ging nicht auf. Reporter.lu, dem das Abkommen eher vorlag, veröffentlichte es exklusiv im Sinne der Transparenz in seiner vollständigen Fassung – ein weiterer Beitrag, der zu den meistgelesenen Artikeln des Jahres 2023 gehörte.


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