Als die Cum-Ex-Masterminds ins Schlaglicht der Justiz kamen, wollten sie Gewinne aus dubiosen Geschäften in Sicherheit bringen. Möglichst steuerfrei sollte das über Luxemburger Firmen laufen. Doch dabei spielte die Steuerverwaltung nicht mit.

Tagelang erklärte Martin S. im März 2018 den deutschen Ermittlern, wie die Cum-Ex-Geschäfte im Detail abliefen. Er kooperierte mit der Staatsanwaltschaft Köln und gab tiefe Einblicke in die Welt der dubiosen Aktiendeals, in der er einer der Hauptakteure war. „Heute sehe ich klar, dass ich Fehler gemacht habe“, sagte er im Prozess im März 2020.

Doch nahezu zeitgleich zu seinen Aussagen in Köln kamen bei zwei seiner Luxemburger Firmen Briefe der Steuerverwaltung an. Ihr Inhalt passt nicht so recht zum Bild des reuigen Täters. Das „Steuerbüro 6“ kritisierte in deutlichen Worten Unregelmäßigkeiten in den Transaktionen zwischen mehreren Firmen, die alle zu diesem Zeitpunkt Martin S. und seinem Geschäftspartner gehörten. Dabei handelte es sich um Paul Mora, eine weitere Schlüsselfigur im Cum-Ex-Skandal. Der Neuseeländer ist auf der Flucht und wird seit 2021 von der deutschen Justiz per internationalem Haftbefehl gesucht.

Strittig waren aus Sicht der Luxemburger Steuerverwaltung unter anderem Millionenbeträge, die 2014 und 2015 an eine Offshore-Gesellschaft von Martin S. und Paul Mora auf den Kaimaninseln gingen. Diese waren Gegenstand eines Urteils des Verwaltungsgerichtes von Januar 2023. Diese Briefkastenfirma namens „Arunvill Capital Limited“ verkaufte Martin S., während er im November 2019 vor dem Landgericht Bonn aussagte. Das zeigten Dokumente des Offshore-Providers „Genesis Trust“, die dem „International Consortium of Investigative Journalists“ (ICIJ) zugespielt wurden.

Ein geheimnisvoller Käufer und ein Firmengeflecht

Das ICIJ teilte die Dokumente mit internationalen Partnern, darunter Reporter.lu sowie „Süddeutsche Zeitung“, „NDR“ und „WDR“ in Deutschland. Sie zeigen die mysteriösen Umstände des Verkaufes, der auch insgesamt fünf Luxemburger Tochterfirmen umfasste. Käufer war ein Russe: Alexander Sidorov. Ende 2019, als der Verkauf über die Bühne ging, wusste der Dienstleister Genesis Trust nichts über diese Person. Ihre Identität könne man nicht bestätigten, schrieb das Unternehmen in der Meldung eines Geldwäscheverdachts an die Behörden auf den Kaimaninseln. Gründe für den Verkauf und ihre Beziehung zum Käufer hätten Martin S. und Paul Mora nicht mitgeteilt.

Mit dem Wissen von heute wäre ich nie Teil der Cum-Ex-Industrie geworden.“Martin S. vor dem Landgericht Bonn im März 2020

Erst im März 2020 erhielt der Offshore-Treuhänder Details über Alexander Sidorov, offenbar wohnhaft in Moskau. Sechs Monate später meldete Genesis Trust die Firma Arunvill erneut bei den Behörden: Der neue Besitzer habe per Fax gemeldet, dass in Moskau wegen Anzeichens von Betrug beim Verkauf der Briefkastenfirma ermittelt werde. Dem Treuhänder der Luxemburger Firmen reichte es zu diesem Zeitpunkt: Die Geschäftsbeziehungen mit Alexander Sidorov und seinen Luxemburger Firmen „Arulux“ und „Teston“ wurden im Oktober 2020 gekündigt. Das zeigen Einträge im Luxemburger Handelsregister. Die Versuche, von Alexander Sidorov eine Stellungnahme zu erhalten, scheiterten oder blieben unbeantwortet.

Paul Mora und Martin S. hatten die Luxemburger Tochterfirmen 2012 und 2013 mithilfe von „Arunvill Capital Limited“ gegründet. Völlig unklar bleibt, was der neue Besitzer Alexander Sidorov mit dem Firmengeflecht vorhatte. Soweit aus den Jahresberichten ersichtlich, gab es bei den fünf Luxemburger Beteiligungsgesellschaften keine wirtschaftliche Aktivität mehr. Die im Handelsregister hinterlegten Dokumente deuten aber auf substantielle Mittel hin …