Wladimir Putin gestaltet Russland um, um seine Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten. Dazu treibt der Präsident die Schaffung einer Klasse wohlhabender Bürokraten voran, die die größten Unterstützer der andauernden Aggression gegen die Ukraine sind.

Trotz Krieg und Sanktionen wurde Anfang November in Moskau die renovierte „Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft“ aus der Sowjetzeit wiedereröffnet. Das Original, das 1939 nur wenige Wochen vor dem Einmarsch Deutschlands und Russlands in Polen eingeweiht wurde, verdeckte die Hungersnot und den Terror der vorangegangenen Jahre. Stattdessen wurden in Sonderschauen die Wunder der sowjetischen Wissenschaft und die Vorzüge der Kollektivierung gepriesen. In einer riesigen Eishalle wurden Leckereien an die Massen verteilt, und eine 25 Meter hohe Stalin-Statue blickte großmütig auf alle herab. Millionen starben im „großen Bruch“ des Diktators mit der Vergangenheit. Russlands Wirtschaft und Gesellschaft wurden völlig umgestaltet, doch alles wurde als vollkommener Fortschritt dargestellt.

Ähnlich verhält es sich mit der heutigen renovierten Fassung, bei der ein futuristischer, von Bildschirmen gesäumter Tunnel den Besuchern den Glanz der vergangenen 20 Jahre unter dem Regime von Wladimir Putin präsentiert. Ein Pavillon zu Ehren der russischen Regionen zeigt Donezk, Cherson, Luhansk und Saporischja – vier Provinzen, welche die russische Armee derzeit von der Ukraine zu erobern versucht. Der einzige Hinweis auf das anhaltende Blutvergießen ist eine aus Granatsplittern zusammengesetzte Blume. Der Beginn des größten Krieges in Europa seit 1945, die Wiedereinführung eines Polizeistaates in Russland und die kategorische Umkehr der Reformtendenzen der frühen postsowjetischen Zeit werden nirgends erwähnt.

Die Show ist besonders weit entfernt von dem Schock und der Verwirrung der ersten Kriegstage, als der Rubel abstürzte, Hunderttausende das Land verließen und Proteste Russlands Städte erschütterten. Seitdem ist es Wladimir Putin dank des hohen Ölpreises gelungen, die Wirtschaft zu stabilisieren und durch heftige Repression alle abweichenden Meinungen zu unterdrücken. Dadurch konnte er sich die Loyalität der Elite bewahren, die ihm wiederum bei der Anpassung des Landes hilft. Das neue Gleichgewicht ist jedoch instabil, da insbesondere durch die Wirtschaft und die militärische Rekrutierung weitere Unruhen drohen.

Nicht nur brave Schafe

Auf den ersten Blick haben die meisten Russen den Krieg in der Ukraine, der mittlerweile fast zwei Jahre andauert, klaglos hingenommen. Zwei Drittel sagen dem Meinungsforschungsinstitut  „Russian Field“, dass sich das Land in die richtige Richtung bewege, und mehr als die Hälfte sagt, der Krieg in der Ukraine laufe gut. „Ich wusste, dass die Gesellschaft völlig konformistisch ist, aber ich hatte trotzdem nicht mit diesem unglaublichen Maß an psychologischer Anpassung gerechnet. Die Menschen haben sich einfach abgeschottet und versuchen, ihr gewohntes bisheriges Leben zu führen“, äußerte sich die Wissenschaftlerin Natalja Subarewitsch dazu in einem Interview.

Offener Protest ist aus naheliegenden Gründen selten. Am 16. November wurde die Künstlerin und Aktivistin Alexandra Skotschilenko zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt, weil sie in einem Supermarkt in St. Petersburg Preisschilder durch Antikriegsbotschaften ersetzt hatte. „Mein Urgroßvater hat im Zweiten Weltkrieg nicht dafür gekämpft, dass Russland ein faschistischer Staat werden und die Ukraine angreifen konnte“, heißt es in einer ihrer Botschaften …