Ein anderer Wochenrückblick ist möglich: Immer samstags blickt die REPORTER-Redaktion mit einem Augenzwinkern auf jene Themen zurück, die uns und die Medien insgesamt beschäftigt haben. Diese Woche: Ein kichernder Premier und ein überaus trauriger Ex.

Worum geht es eigentlich in der Politik? Gestalten, führen und seinen Prinzipien treu bleiben, wäre eine gute Antwort. So sieht es auch Luxemburgs Premier, der wegen dieser Tugenden ein großer Fan von Angela Merkel ist. Die deutsche Bundeskanzlerin sei für ihn « an amazing person », so Xavier Bettel laut dem « Brussels Playbook » von Politico. Merkel sei eine starke und respektierte Leaderin.

Vor allem in der Flüchtlingskrise 2015 sei Merkel für ihre Werte und Prinzipien eingestanden, schwärmt der Liberale über die Christdemokratin weiter. « I respect her very much for all of this », zitiert Politico « Mutti’s biggest fan ». Bettels Riesen-Respekt geht so weit, dass er Merkel sogar schon nach Brüssel wegloben wollte.

Stimmt es, dass er Merkel davon überzeugen wollte, in diesem Jahr einen der freiwerdenden Top-Jobs in der EU zu übernehmen, fragte Politico Luxemburgs Regierungschef. « He giggled at the question, then said: That’s possible. I think she would have been good. But it’s her choice, and I respect her choice. » In der Tat überraschend, dass sich die mächtigste Frau Deutschlands nicht von einem kichernden Fan überzeugen ließ.

Xavier, huel se…

Bettels Kichern konnte man dagegen beim offiziellen Besuch der serbischen Premierministerin diese Woche in Luxemburg nur erahnen. Mit militärischen Ehren und Bettel’schem Charme wurde Ana Brnabić in der Hauptstadt empfangen. Auf der Tagesordnung standen etwa ein wirtschaftliches Seminar im House of Startups sowie die Teilnahme an der Gedenkfeier zur Befreiung der Stadt Luxemburg. Auf der Agenda des Besuchs der Serbin standen zudem « unter anderem die Beziehungen zu Luxemburg », wie das « Luxemburger Wort » bahnbrechend berichtete.

Die Krönung des Treffens der beiden Regierungschefs: Ein gemeinsamer Besuch des Fußballmatches der EM-Qualifikationsrunde zwischen Luxemburg und Serbien. Wer bisher dachte, Bettel habe eigentlich nicht viel mit dem bunten Treiben auf dem grünen Rasen am Hut, wurde spätestens hier eines Besseren belehrt. Ein paar schöne Schnappschüsse mit Lëtzebuerg-Schal müssen da schon als Beweis genügen. Endresultat: Zweitrangig.

Foto: Screenshot Facebook/Xavier Bettel

Doch bei aller natürlichen, absolut authentischen bilateralen Freude gibt es natürlich immer auch die Spielverderber. Jene, die versuchen, hinter die Kulissen des diplomatischen Lächelwettbewerbs zu blicken. Jene, die den offiziellen Verlautbarungen nicht glauben. Jene, die im Zweifel Journalisten sind. So auch ein kritischer Schreiberling im « Land » diese Woche, der sich die Frage stellte, ob die sympathische serbische Premierministerin nicht noch eine andere politische Agenda verfolge.

Die Bilder von Bettel und Brnabić zeugten von einer gewissen Symbolkraft – zwei Regierungschefs von konservativen Ländern, die aus ihrer Homosexualität keinen Hehl machen, so das « Land ». Großes « Aber »: Serbien bleibe « un modèle d’autoritarisme compétitif » und die Premierministerin eine Vertreterin der mitunter repressiven Regierung in Belgrad. Naja. Nachdem wir uns die schönen Fotos aus dem « Stade Josy Barthel » noch ein Paar Mal angeschaut haben, finden wir diese Miesmacherei etwas übertrieben. Als hätten sich Luxemburgs geschäftstüchtige Regierungen jemals durch so etwas wie politische Werte beeindrucken lassen.

Die Fake News des Laurent Mosar

Apropos beeindrucken: Wussten Sie schon, dass die Grünen eine radikale Verbotspartei sind, die uns Bürger auch noch den letzten Spaß am Leben nehmen wollen? Nein, dann sollten sie hin und wieder konservative deutsche Medien wie die « Welt », « Focus » oder « Bild » lesen. Oder einfach mal in Laurent Mosars Twitterfeed vorbeischauen. « Die Verbotshysterie der Grünen ist grenzenlos », schrieb der CSV-Politiker diese Woche. Er bezog sich dabei auf einen Artikel der Bild-Zeitung mit der Schlagzeile: « Grünen-Frau will Luftballons verbieten ».

Das einzige Problem dabei: Die Meldung war so nicht ganz richtig. Zwar wurde sie von der hochseriösen DPA verbreitet und von vielen deutschsprachigen Medien übernommen. Doch bald schon stellte sich heraus, dass die Grünen in Niedersachsen nicht generell Luftballons verbieten wollen, sondern nur zu einem Verzicht auf das Steigenlassen von gasgefüllten Luftballons aufriefen, weil dies eine Gefahr für Vögel darstellen könnte. Nicht nur die DPA, sondern viele andere Journalisten verbesserten und entschuldigten sich später für ihre falsche Nachricht.

Nur Laurent Mosar sah offensichtlich kein Problem darin, eine Falschmeldung zu übernehmen und auch keinen Anlass, die Aussage zurückzunehmen. « Ich bin ja da in bester Gesellschaft mit vielen eminenten Journalisten. Die Frage ist eher warum Journalisten den Grünen ein derartiges Verbot zutrauen », so die Antwort des Twitter-Rechthabers. Andererseits sind die Angriffe von Journalisten oder anderen Parteien, wonach Mosar sich einseitig auf die Grünen einschieße in der Tat äußerst unfair. Denn Mosar hetzt nicht nur mit mitunter alternativen Fakten gegen Grüne, sondern mindestens genauso gerne gegen Klimaschützer und Muslime. Und da ist er in der Twittersphäre von Fake News und Halbwahrheiten ja nun wahrlich « in bester Gesellschaft ».

Die Leiden des alten J-C.

Traurig, traurig. Wirklich sehr traurig. So könnte man den Gemütszustand von Polit-Veteran Jean-Claude Juncker aktuell zusammenfassen. Jedenfalls wenn man das ausführliche Interview des scheidenden Kommissionspräsidenten mit der belgischen Zeitung « L’Echo » gelesen hat. Schon der Blick des Luxemburgers auf dem Foto strotzt nur so vor Freudlosigkeit, Trübsal und Nostalgie.

Foto: Screenshot lecho.be

Doch die Traurigkeit ist nicht unbedingt persönlich, sondern vor allem politisch begründet. Dabei hat Juncker laut Juncker eigentlich unzählige Erfolge vorzuweisen. « Si je devais faire le tableau de mes réussites, je serais intarissable. »

Alles super also? Nicht ganz, denn laut Juncker gibt es in seiner Bilanz auch Gründe zur Reue. Zum Beispiel: « Je suis triste, vraiment triste, de ne pas avoir réussi à réconcilier les deux parties de l’île chypriote. » Oder: « Je suis triste de ne pas avoir réussi à faire aimer l’Europe aux Européens. »

Als sei die Krise des ganzen europäischen Projekts noch nicht traurig genug, gibt es da aber noch ein politisch-persönliches Erlebnis, das Juncker zum traurigen Nachdenken verleitet. « Je constate depuis une trentaine d’années que je pratique la côte belge que la tolérance s’est corrigée vers le bas. Il y a trente ans, j’étais chez le boulanger, le boucher, je pouvais passer mes commandes en français; aujourd’hui on ne l’accepte plus. Donc je parle l’Allemand – ils acceptent les Allemands, plus les francophones (…) » « La Belgique pourrait être le modèle d’une cohabitation réussie. Malheureusement elle ne l’est pas, ce qui me rend triste. »

Krisen über Krisen. Und viele Versäumnisse in einer langen, wahrlich außergewöhnlichen Karriere. Was ist das schon im Vergleich zum menschlichen Drama, dass man als Luxemburger an der Belscher Plaasch sein Croissant auf Deutsch(!) bestellen muss? Genau: Traurig, wirklich traurig.