Ein anderer Wochenrückblick ist möglich: Pünktlich zum Wochenende blickt die REPORTER-Redaktion mit einem Augenzwinkern auf jene Themen zurück, die uns und die Medien insgesamt beschäftigt haben. Diese Woche: Neue Familienmitglieder und andere Neujahrswünsche.

Faites vos jeux, rien ne va plus. Wenn die Regierung gleich drei ihrer Mitglieder austauscht, weiß der interessierte Beobachter: Kein Grund zur Aufregung. Es kann nur besser werden. (Retrospect berichtete) Nach dem Motto « Neues Spiel, neues Glück » startet die Dreierkoalition also in das Jahr 2022. Und wie wir die sozial-liberal-ökologischen Politprofis kennen, wird dieses Jahr absolute Weltklasse. Zumindest in der Außendarstellung.

So war es denn auch bei der Verkündung der überraschendsten Kabinettsumbildung seit eine gewisse Maggy Nagel in die Wüste geschickt wurde. Der Star der grundsanierten Regierung ist dabei eindeutig Yuriko Backes. Die neue Finanzministerin wird in manchen Medien schon so gehypt, dass es einem schon beim Lesen und Zuhören etwas unangenehm ist.

So schrieb die PR-Abteilung des Finanzministeriums (« Paperjam ») zunächst eine Hommage an den Transparenzgott Pierre Gramegna, um dann ein wahrhaft goldiges Porträt der neuen Kassenwartin nachzulegen. Demzufolge ist die neue Ministerin nicht nur eine super-kompetente und freundliche Frau, sondern verfügt sogar über magische Superkräfte: « L’ancienne diplomate, femme de tête, porte des valeurs de sagesse universelles ancrées dans son parcours multiculturel. »

Part of the family

Für was die neue Ministerin politisch steht, weiß dagegen noch niemand. Aus einschlägiger blau-rot-grüner Erfahrung wissen wir aber: Um Politik geht es beim Regieren in Luxemburg auch nur am Rande. Vielmehr zählt, stets konstruktiv zusammenzuarbeiten, zu lächeln, lustige Fragen zu stellen und regelmäßig Selfies dazu zu posten. 🤩🤩🤩

Corinne Cahen zeigt der neuen Partei- und Kabinettskollegin mal kurz, wie es geht …

Aber … Das ist ja gar kein Selfie! Und … Ja, wer macht denn da das Foto? Grundgütiger …

Der DP-Staat ist also weiter intakt und spiegelt sich in seiner weitaus weniger glorreichen Vergangenheit. Wir lernen aber: Selbst frühere Wirtschaftsminister finden in der liberalen Familie schnell wieder neue Verwendung. Wir dachten bisher als mächtige Strippenzieher, aber Hobbyfotograf klingt auch ganz nett.

Super wichtig aber auch, und nicht nur bei Fotos für die Ahnengalerie des Wohlfühlliberalismus: Immer schön und freudig nach vorne schauen. Das hat die neue Finanzministerin denn auch schon verinnerlicht. « I look forward to working with you », « I also look forward to working with you! », « Looking forward to a fruitful collaboration », antwortet sie auf Twitter all ihren neuen Fans der Finanzlobbies.

Von Christine Lagarde über Nicolas Mackel bis hin zu André Bauler sind bei den Gratulanten jedenfalls alle Schwergewichte der globalen Finanzpolitik vertreten. Nur einer hat sich bei seinem Gratulationstweet dann doch etwas verraten. Baum, Gilles Baum (Twitterhandle: gillesbaum007) freut sich nämlich nicht nur auf eine gute und kollegiale Zusammenarbeit, sondern heißt die neue Ministerin auch: « Wëllkomm an der @dp_lu-Famill! » Und, wie viele von uns wohl wissen: Ob Luxemburgs Liberale oder die Mafia – Wenn man einmal Teil einer verschworenen Familie ist, gibt es keinen Weg zurück mehr.

Corona Royal

Wobei: Ihrem vorherigen Arbeitgeber wird Yuriko Backes wohl nicht lange nachweinen. Am großherzoglichen Hof ging es nämlich etwas chaotischer zu als beim Business Lunch der DP-Family. Nicht nur ist der Luxemburger Monarchie zum gefühlt 30. Mal ein Hofmarschall abhanden gekommen. Seit mehr als einer Woche versperrt zudem noch eine Tischtennisplatte die großherzoglichen Gemächer (Retrospect berichtete).

Und dann auch noch das: Großherzog Henri wird positiv auf das Coronavirus getestet. Ausgerechnet einen Tag vor einer seiner wenigen, ihm verbliebenen Verpflichtungen – der Vereidigung von Ministern. Um jeden Putsch- oder republikanischen Revolutionsgedanken sofort im Keim zu ersticken, betonte die Pressestelle des Hofs, dass der Großherzog nur leichte Symptome habe und weiter seiner Arbeit nachkomme. Nicht nur sein blaues Blut, auch eine dreifache Impfung haben Henri und uns alle wohl vor Schlimmerem bewahrt.

Dumm nur, dass auch für Staatsoberhäupter eine Isolationspflicht bei einer Infektion gilt. Wie sollte der Monarch also die drei neuen Minister vereidigen? Während ein Besuch der Minister am Krankenbett durchaus seinen Charme gehabt hätte, entschied sich der Staatsapparat für die dröge Variante: Der Großherzog wurde per Videostream zugeschaltet. Denn wie jeder Katholik aus dem jährlichen Urbi-et-Orbi des Papstes weiß: Wahre Macht wirkt auch durch den Schirm. #JeLeJure

Foto: SIP / Emmanuel Claude

Die Hand Engels

Für die Zukunft der Monarchie eröffnet die Streaming-Premiere dabei ganz neue Möglichkeiten. Nie wieder durch den Schlamm zu irgendeiner Baumpflanzaktion stapfen. Keinen abgestandenen Crémant in Dubai mehr schlürfen. Und endlich frei von fackeltragenden Untertanen, die einem am falschen Tag zum Geburtstag gratulieren. Nein, im 21. Jahrhundert wird via Zoom geherrscht, bequem aus dem Louis-XIV-Sessel in Biarritz. #NassauForMetaverse

Leicht verunsichert wegen der neuen Herrschaftsform war jedoch jener neue Minister, den das « Land » diese Woche als « provinziellen Xavier Bettel » beschrieb: Georges Engel. Der neue Arbeits- und Sportminister hatte wohl eine Gedankenvolte zu viel darüber geschlagen, ob der Großherzog ihn denn jetzt richtig herum oder spiegelverkehrt sehen würde und hob statt der üblichen rechten, die linke Hand zum Schwur.

Foto:  SIP / Emmanuel Claude

Noch bevor die Gattin des Großherzogs gegen den sozialistischen Flegel im Ministeramt vorgehen konnte, entschuldigte sich Engel jedoch bei « RTL » für den Faux-Pas: « Politiker sind auch nur Menschen. Fehler passieren. » Wir finden: Kaum ist er im Amt, gibt er der Regierung frischen Wind. Fehler machen und sich danach für sie entschuldigen. Und das ohne öffentlichen Druck: Wat Saachen! So mancher ehemalige Student könnte von Georges Engel lernen …

Aber auch wir lernen wieder einmal: Politiker sind eben doch nicht alle gleich. Oder wie der neue Arbeits- und Sportminister es ausdrücken würde: « Do gesäit een, dass d’Parteien net all Speck a Schwéngefleesch sinn. »

Der Vollständigkeit halber müssen wir aber auch noch erwähnen, dass ein gewisser Claude Haagen anscheinend auch zum Minister ernannt wurde. Mehr dazu werden wir schnellst möglich nachliefern.

Camera Obscura

Längst im digitalen Zeitalter angekommen ist aber auch die Chamber. Sie glänzt nicht nur mit der modernsten, intuitivsten und nutzerfreundlichsten Webseite jenseits von Amazon. Nein, während sich die Monarchie erst langsam ans Streaming herantastet, ist es für den Parlamentspräsidenten Fernand Etgen längst in Fleisch und Blut übergegangen. So hielt der mächtigste Influencer des Hohen Hauses, wie bereits im letzten Jahr, seine Neujahransprache rein digital ab. An seiner Seite Parlamentssekretär Laurent Scheeck.

Natürlich folgte Fernand Etgen bei seiner Rede peinlich genau der Maxime von Facebook: Move fast and break things. Oder so. Denn während die Neujahrsansprache des Großherzogs im TV kompakt zwischen Nachrichtenblock und Wetterprognose passte, blickte der Chamberpräsident in geschlagenen 23 Minuten auf das vergangene Jahr zurück. Fidel Castro wäre neidisch geworden.

Kürzer hält es bekanntlich Ihre Retrospect-Redaktion: Wir wünschen all unseren Leserinnen und Lesern ein frohes neues Jahr. Bleiben Sie gesund und halten Sie es mit dem inoffiziellen Motto der Regierung: Einfach weiter machen. Komme, was wolle.