Ein anderer Wochenrückblick ist möglich: Pünktlich zum Wochenende blickt unsere Redaktion mit einem Augenzwinkern auf jene Themen zurück, die uns und die Medien insgesamt beschäftigt haben. Dieses Mal: ungläubige Liberale und Polizeistreifen zur Beruhigung.

Da hatten Sie es ja allen mal so richtig gezeigt – einen Schenkelklopfer nach dem anderen rausgehauen: „Wenn die Staatsanwälte Politik machen wollen, dann sollen sie sich zur Wahl stellen. Und nicht ihr Amt für eine politische Interpretation der Gesetze nutzen!“ Ein Knaller: Ihre Chefin fand den Witz lustig und nickte zustimmend.

Nur blöd, dass der oberste Richter des Landes das nicht so witzig fand. Das wäre dramatisch für das Vertrauen in die Justiz. Pffh, Champ Claude Radoux nimmt sonst eigentlich niemand ernst, er selbst inbegriffen. Lydies Mann fürs Grobe und im Nebenjob DP-Gemeinderat in der Hauptstadt ist bekannt für Aussagen, die jedem logischen Denken widersprechen. Der gelernte Buchhalter hat natürlich ein besseres Rechtsverständnis als alle Richter des Landes.

Aber vielleicht ist der DP-Mann gerade froh, dass die Justiz so nachlässig arbeitet, wie er und seine Chefin ihr das vorwerfen. Ansonsten wäre er wohl bereits wegen „Outrage à magistrat“ eingelocht. Claude Radoux ist aber nicht der einzige liberale Politiker, der gerade eskaliert. Der Generaldirektor des Landes – de neie Luc – dekretierte höchst persönlich, die Debatte sei „largement exageréiert“. Die Frage ist, in welche Richtung?

Lydie-Splaining vom Feinsten

Wir haben das eben mit dem Bettelverbot alle noch nicht verstanden. Deshalb hat uns das Iron Lydie nochmals ausführlich erklärt. Natürlich hat Lydie recht mit ihrer Kampagne gegen Bettler und das seit 1880 – äh, 1980. Sie zückt ein Beweismittel nach dem anderen – meist Interviews, die eine gewisse Bürgermeisterin bereits vor vielen Jahren gab. Die Juristen haben alle keine Ahnung vom Strafrecht. Nur einer findet Gnade in Lydies Augen: Gaston Vogel.

Der hatte 2015 eine Polemik über „organisierte Bettlerbanden“ losgetreten, die Iron Lydie natürlich beherzt vor den „RTL“-Kameras aufgegriffen hatte. Dass Vogels offener Brief ihm Prozesse über mehrere Instanzen wegen Aufruf zum Hass und Diskriminierung einbrachte – das ist für Lydie ein Detail der Geschichte. Immerhin wurde ihr Lieblingspolemist freigesprochen – vor allem aufgrund einer Hauptzeugin, auch sie eine gewisse Lydie. Wenn Sie jetzt den Faden verloren haben, machen Sie sich nichts draus, das ist ein bekanntes Symptom beim Lydie-Splaining.

Den Demonstranten muss Lydie das mit dem Bettelverbot auch nochmal erklären. (Foto: Mike Zenari)

Ein Grund für den Streit zwischen der Justiz und Iron Lydie: Richter und Staatsanwälte glauben, die Grande Dame der Luxemburger Populisten sei seit mehreren Jahrzehnten im Parlament, um Gesetze zu machen. Dass die Politik das Bettelverbot aus Versehen abgeschafft habe, sei nicht plausibel, meinte die Diekircher Staatsanwaltschaft: „Au vu des polémiques qui ont eu lieu en été 2015 sur la mendicité à Luxembourg-Ville, l’erreur aurait été rectifiée, s’il y avait eu erreur.“ Aber dazu hätte Lydie im Parlament auch mal arbeiten müssen. Dafür ist sie aber nicht bekannt.

Corinne Cahen – die sich selbst als Lydies Nachfolgerin auserkoren hat – geht der Debatte aus dem Weg, indem sie sie einfach leugnet. Die ungläubige Corinne meint nämlich nicht, dass das Betteln auch geahndet wird. Stattdessen erläuterte sie für die von den vielen Ausreden mental total erschöpften „Radio 100,7“-Hörer, es sei einfach besser, die Obdachlosen würden das Land verlassen.

Léons wilde Logik

Aber auch auf CSV-Seite herrscht in Sachen „Heescheverbuet“ eine gewisse kognitive Dissonanz. Dass dies sogar in Stereo geht, stellte Innenminister Léon Gloden diese Woche eindrucksvoll unter Beweis. Nicht nur, dass er für seinen „Avis juridique“, den er stolz der parlamentarischen Kommission vorstellte – wohl in der Hoffnung, dass Opposition und Medien nun endlich aufhören würden, ihn wegen seiner Hatz auf die Ärmsten der Armen ins Visier zu nehmen – bei der gleichen Anwaltskanzlei bestellte, die zuvor von der Stadt Luxemburg angestellt wurde, um gegen die rote Taina Bofferding vorzugehen.

Nein, Léon findet das alles auch nicht schlimm. Ja – nicht mal, dass vier Seiten des Schreibens identisch mit dem sind, was die Anwälte für Iron Lydie herausgeschlagen hatten. Dabei gilt, laut den internen Regeln der Anwaltskammer, dass Anwälte, die für den gleichen Betrieb arbeiten, als „entité unique“ anzusehen sind. Das, um Interessenkonflikten vorzubeugen. Aber, wen kümmert’s?

Und wenn es Ihnen beim Shopping-Spaziergang in der Hauptstadt etwas mulmig wird, wenn sie dauernd eine der 176 vom Polizeiminister überall im Land wegkommandierten Polizeistreifen sehen, seien Sie beruhigt. In Léon-Gloden-Logik sind diese bloß da, um Sie zu beruhigen, weil nun mehr Polizisten auf der Straße sind als unter der linksgrünversifften Gambia-Epoche. Falls Sie dann doch immer noch skeptisch sind, wird Léon wohl die Armee anfragen, um seinen Krieg gegen die Armut zu einem glorreichen Sieg zu führen. Aber nur, wenn Yuriko unsere Jungs und Mädels nicht vorher alle an die Ostfront geschickt hat.

Keeping up with the Tonnars

Das „Heescheverbuet“ bringt aber auch wirklich die schlimmsten Instinkte in uns hervor. KI-Künstler, Musiker und Aktivist Serge Tonnar hat ein Lied geschrieben, das mit der poetischen Zeile endet: „Da kritt Der eng gutt op d’Schnëss!“ Das ist an all jene gerichtet, die in seinem „Heeschelidd“ nicht das Meisterwerk sehen, das es nachweislich ist. Kunstfreiheit für alle! Der neue Kulturminister mit der Zwei-Tage-Arbeitswoche, Eric Thill, hat dagegen die wichtigste Aufgabe seines Amtes bereits verstanden: Leg dich nicht mit den Tonnars an.

Aber der Barde der Luxemburger Seele war leicht abgelenkt in den letzten Wochen. Im größten Skandal, seit im Lockdown keine „Bope Bistrot“-CDs im Cactus verkauft wurden, findet der Eurovision Song Contest ohne einen Tonnar statt. Und das, obwohl Luxemburg mal wieder mitmacht – das kann nicht sein, das darf nicht sein. Finden jedenfalls Tonnar Senior und seine zwei ebenfalls singenden Juniors.

Im Luxemburger Vorentscheid wurde kein Luxemburgisch gesungen! Es ging in den Liedern überhaupt nicht um Bope Bistros! Und Tali, die Gewinnerin, hat gar nichts mit Luxemburg am Hut! Meint zumindest die Tonnar-Männer-Lobby. Und es hat niemand sie um ihre Meinung gefragt! Deshalb veröffentlichen sie die lieber in langen Beiträgen in den sozialen Medien. Gut, da wird nicht ganz klar, was jetzt Israel mit dem Luxemburger Vorentscheid zu tun hat, aber irgendeine Theorie passt immer. Und es ist immer ganz schlimm. Wir sind schon gespannt auf die nächsten Skandale, die der Tonnar-Clan offenlegt. Bleiben Sie dran.

Schnicki bleibt stabil

„Äddi an bon voyage“, hatten wir auch Etienne Schneider gewünscht. Aber: Etienne is back! Dass er sich von russischen Oligarchen im besten Fall für Nichtstun Millionen Euro zahlen lässt, hat ihm in der Luxemburger Business-Welt nicht geschadet. Auf dem Neujahrsempfang vom Industriellenverband „Fedil“ schwatzte Etienne mit allen und die neuen Minister mit ihm. Ist ja auch sein Job als Russen-Lobbyist. Beim Champagner ist die Ukraine weit weg und das Gewissen ausgeschaltet.

Kein Buch kann ihm widerstehen: Oppositionsleader Franz Fayot in Denkerpose. (Foto: Screenshot)

Die Sozialisten sind aber die Partei der zwei Schneider: der Geschäftemacher Etienne und der ehrenhafte Romain, auch Schnicki genannt. Der andere Schneider ist eine richtige rote Socke und berät nun zwölf Stunden pro Woche in Wiltz OGBL-Mitglieder, melden „Tageblatt“ und das „Lëtzebuerger Land“. Damit macht man sich bei der Fedil aber tatsächlich keine Freunde.

Und was macht Firlefranz? Der intellektuellste aller Ex-Minister – in der Geschmacksrichtung Hipster – lässt sich in Denkerpose im Café seiner Frau abbilden. Denn er hat jetzt (wieder) einen Blog – schön retro. Einziges Thema bisher: der neue Luc ist der alte Luc.

Die Retrospect-Redaktion hatte da schon so eine Ahnung. In diesem Sinne wünschen wir ein erholsames Wochenende. Und wenn Sie einen Polizisten sehen: Keine Sorge, es wird sich schon ein zweiter finden, der Sie beruhigen kann.


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