Ein anderer Wochenrückblick ist möglich: Pünktlich zum Wochenende blickt unsere Redaktion mit einem Augenzwinkern auf jene Themen zurück, die uns und die Medien insgesamt beschäftigt haben. Dieses Mal: eine mitreißende Rede und andere Kompetenzbeweise.

Luc Frieden staunte nicht schlecht, als er das Ergebnis seiner Anfrage in « Chat GPT » las. « Lieber Chat, schreiben Sie mir eine Zusammenfassung des Koalitionsprogramms, nüchtern, pragmatisch, mit ein bisschen Philosophie und viel liberaler Zukunft, Wirtschaft und Betrieben drin », hatte der neue Premier die künstliche Intelligenz beauftragt. Und siehe da: Der Chatbot lieferte akkurat.

Schade nur, dass #Luc seine Rede in der Chamber am Ende doch noch selber halten musste. Der neue Premier diskutierte mit seinen Beratern offenbar die Möglichkeit, ob es nicht auch ein Hologramm tun könnte. Er entschied sich kurzfristig dagegen. Vielleicht beim nächsten Mal.

Die Rede war denn auch etwas für sprachliche Feinschmecker, also solange man auf rechtsliberal-technokratisches Slowfood steht. Musste das Land in den letzten zehn Jahren bei dieser Gelegenheit den Worten von Xavier Bettel, diesem floskelverliebten Wirbelwind unter den politischen Rednern zuhören, hatte Friedens Rede schon etwas von einer Entschlackungskur. Ohne Hast, ebenso bedächtig wie besonnen, mit dem Flair und der Leidenschaft eines deutschen Steuerbeamten führte der neue Chef durch das Repertoire des CSV-DP-Programms. Jedes Wort war verständlich, jeder Satz hatte einen Punkt und kein Abgeordneter war eingeschlafen. #BigSuccess

Inhaltlich war die Rede allerdings überaus mager, eine volle Stunde ohne neue Kunde, ein wahres rhetorisches Austeritätspaket. Doch wer erwartet sich von einer Regierung denn schon bitte einen konkreten Plan zur Lösung von Problemen oder zur Verbesserung der Lebensqualität der Menschen? Dafür sorgen doch bekanntlich die Betriebe und die unsichtbare Hand des Marktes. Und überhaupt versprach Frieden dem Land nicht nur eine « Zukunft », sondern auch « flott Wunnengen » und « flott a gutt bezuelten Aarbechtsplazen ». Was will man mehr?

„Luxembourg, c’était moi“

Der neue « Chat LUC » hat also geliefert. Und man wird den Eindruck nicht los, dass auch viele neue Oppositionspolitiker ihre neue Rolle gar nicht erwarten konnten. Also außer Jang, der sich tränenreich in die provisorische politische Rente verabschiedete. Und weil er nun auf einmal viel Freizeit hat, führte er seine Honda (also die Mähmaschine) in seinem Steinforter Garten aus. Man glaubt ein leises „du Loudervéi“ zu hören.

„On est évidemment loin de la révolution culturelle de Mao … mais à Steinfort“, witzelt Jang über Jang auf Facebook.

Fluchen tat Jang natürlich auch auf internationaler Bühne. Sein „Merde alors“ ist weltberühmt, aber er ergänzte es im „Guardian“ mit einer Tirade gegen seine nun Ex-Außenminister-Kollegen: Die EU-Staaten „didn’t give a fuck“ über Palästina. „There were two countries here that tried to put it on the agenda, me and the Irish.“ Man merke: Jang war nicht nur ein Mensch, der durch Wahlen zum Minister wurde und seinem Land diente. Er vertrat Luxemburg nicht nur in der Welt. Nein, er war Luxemburg. Das soll Xav ihm mal nachmachen.

Die Rückkehr der roten Mützen

Jetzt aber Schluss mit der selbstlosen Bescheidenheit! Es gilt, das nasse Laub der Luxemburger Politik aufzumähen. Asselborns rote Mütze steht dabei sinnbildlich für die Verwandlung, die seine Genossen im Parlament mitmachten. Nach 20 Jahren Regierung ist jetzt wieder Zeit für linke Parolen – also zumindest ein bisschen links, nicht dass man bei der nächsten Koalitionsbildung noch an die früheren Versprechen erinnert wird.

Austerität sieht das Koalitionsprogramm (noch) nicht vor, anders als ein gewisser Franz Fayot vorhersagte. „E bëssi penibel“, könnte man das nun nennen, aber das wäre ja aus dem Kontext gerissen. Der frühere Minister für Wirtschaft, Kooperation und Glaubwürdigkeit wird jetzt auf jeden Fall ein knallharter Oppositionspolitiker.

Franz Fayot ist zudem neuer Präsident der parlamentarischen Kommission für Finanzkontrolle. Nein, kein Witz, sondern total logisch: Schließlich kennt der rote Firlefranz die Spesentricks für Minister und kann fachmännisch alle Ausgaben für Essen und Wein der Verwaltungen bewerten.

Aber er ist natürlich auch inhaltlich top auf seine neue Rolle vorbereitet. Als eifriger Piketty-Leser ist er für eine Erbschaftssteuer – also falls er seine Partei dazu überreden könnte. Auf jeden Fall kritisierte er den neuen Premier dafür, dass dieser – genau wie die LSAP – keine solche Steuer einführen will. #SmartSocialism

Schwarz-Blau mache eine Politik für die « happy few ». Sozialer Aufstieg komme aber nicht übers Erben, sondern „gudder Educatioun, Chancegläichheet & haarder Aarbecht“, postete Franz Fayot auf „X“. Das hat der volksnahe Politikersohn aus gutem Hause jedenfalls mal in einem sozialkritischen Roman gelesen.

Das Gilles-007-Prinzip

CSV und DP setzen bekanntlich auf Männer. Da weiß man, was man hat. Eine Frau im Parlamentsvorsitz? Auf solche revolutionäre Spleens verzichtet Luxemburg offenbar besser. Mit Wiseler, Wolter, Etgen und Di Bartolomeo spielt ein Team auf, das bereits in den Achtzigerjahren auf dem Bolzplatz der Luxemburger Politik kickte. Damals gab es noch Bankgeheimnis und Schwarzgeld von Drogenbaronen – welch eine Zeit.

« Et war eng flott Debatt »: Luc Frieden nach der Aussprache über seinen lang erwarteten Philosophie-Exkurs im Parlament. (Foto: Mike Zenari)

Im Management kennt man das Peter-Prinzip: Es beschreibt, wie meistens Männer bis zum Level ihrer Inkompetenz befördert werden. Die Retrospect-Redaktion schlägt vor, dies für Luxemburg in das „Gilles-007-Prinzip“ umzubenennen. Denn der neue und alte DP-Fraktionschef Gilles Baum ist der beste Beweis für dessen Existenz. In den Gemeindewahlen hat er den Bürgermeisterposten verspielt, in den Parlamentswahlen hat er nur knapp 40 Prozent seiner persönlichen Stimmen verloren.

Aber hey, das war ein knapp besseres Resultat als jenes des beliebtesten Wohnungsbauministers aller Zeiten, Henri Kox. Gut, Fraktionskollegin Carole Hartmann holte ein Bürgermeisteramt und steigerte ihre persönlichen Stimmen um 134 Prozent. Das wäre aber ein unfairer Vergleich, sie ist schließlich eine Frau. Und wie das schon klingt … FraktionschefIN … pfff …

Xav und Lexy vertrauen da lieber unfähigen Männern. Aus absolut uninformierten Kreisen erfuhren wir zudem, dass bereits eine Regierungsumbildung geplant ist: Um ein Burnout des Kultur- und delegierten Tourismusministers Eric Thill zu verhindern, erwägt die DP, Marc Hansen seinen Lebenstraum zu erfüllen und ihn zum Minister zu machen. Der Quotenmann wurde wieder einmal erfolgreich nicht ins Parlament gewählt und kommt auch aus dem richtigen Bezirk. Marc Hansen ist demnach wohlverdient als delegierter Minister des delegierten Ministers des Tourismusministers im Gespräch.

Der kompetenteste Hinterbänkler

Die härteste Kritik kam aber sowieso nicht aus den Reihen der Opposition, sondern vom besten Nicht-Gesundheitsminister aller Zeiten. Gérard Schockmel kann sich noch immer nicht vorstellen, dass es wenig hilfreich für einen Ministerposten ist, sich selbst ins Gespräch zu bringen. „Die Koalition hätte mich als Minister nehmen können“, meinte die beste Partie vergangenen Freitag im Interview mit „Virgule.lu“.

Letztlich hat es nur zum Vizepräsidenten der Gesundheitskommission im Parlament gereicht. Ganz viele Menschen (es waren drei) hätten ihm geschrieben, wie enttäuscht sie seien, dass er nicht Gesundheitsminister geworden sei, so Dr. Schockmel weiter. Total unfair. Und Forschungsminister ist er auch nicht geworden – obwohl sein Lebenslauf darauf zugeschnitten sei, wie Schockmel über Schockmel sagt.

Der wahre Skandal: Diesen Job bekam jeweils eine Frau. Wobei sich Mister Gérard und Dr. Schockmel noch lange fragen werden, welche „demokratische Legitimität“ die neue Gesundheitsministerin Martine Deprez denn habe. Die Kompetenz eines gewissen Infektiologen vom Kirchberg hat sie ja ganz offensichtlich nicht. Aber wer hat die schon?

Doch unabhängig von Geschlechterquoten, Machtkämpfen und mit solider Grundarroganz ausgestatteten liberalen Ärzten: Wo kämen wir denn da hin, wenn jetzt auf einmal Ministerposten rein nach Kompetenz oder Erfahrung vergeben werden? So weit darf es auf keinen Fall kommen! Vive die Luxemburger Demokratie!


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