Ein anderer Wochenrückblick ist möglich: Pünktlich zum Wochenende blickt unsere Redaktion mit einem Augenzwinkern auf jene Themen zurück, die uns und die Medien insgesamt beschäftigt haben. Dieses Mal: alte Schlachtrösser und eigensinnige Lokalfürsten.

Es sind Osterferien und jeder Politiker, der nicht in der Sonne chillt oder vom Restschnee in den Bergen profitiert, wird vor ein Mikrofon gezerrt. Das Schicksal traf auch den selbsterklärten Pandemie-Bekämpfer Mars Di Bartolomeo. Mars hat in der Covid-Zeit alles richtig gemacht, sagt Mars. Leicht überfordert war der 71-Jährige aber mit der Frage, ob er als Kandidat bei den Europawahlen sein Mandat auch annehmen würde, sollte er denn gewählt werden. „Firwat net?“, antwortete der Interviewer-Schreck. „Ist das ein Ja“, hakte die „RTL“-Journalistin nach. „Firwat net?“, so Mars. Für die Frage, warum ein seit den Achtzigern aktiver Abgeordneter auch noch ins Europaparlament sollte, war leider keine Zeit.

Da offenbar Jean Asselborn gerade auf dem Rad unterwegs war, musste sein alter Freund Jean-Claude Juncker derweil im Podcast der „FAZ“ einspringen. Und der Premier a.D. ließ es wie gewohnt nicht an knackigen Aussagen mangeln: „Ich war auch lange ein Sympathisant von Putin“, sagte Jean-Claude Juncker. Doch damit sei Schluss gewesen, nachdem Putin die Krim überfallen habe und anschließend den Krieg gegen die Ukraine führte. Schluss machen, heißt bei Juncker aber nicht Schluss machen, sondern: „diese Dimension der Beziehung abschalten“.

„Defensive Aufrüstung“

Das selbsternannte „alte europäische Schlachtross“ steht aber nicht alleine vor den Trümmern alter Freundschaften. Auch sein Nachfolger und heutiger Außenminister Xav hat Beziehungsschmerzen zu verdauen. „Aber es ist sehr viel kaputt gemacht worden. Wenn man nicht weiß, was kommt, ist eine Beziehung schwierig“, sagte der Beziehungsexperte dem „Tageblatt“. Doch auch er will seinen Telefonbuddy Wladimir nicht mehr anrufen. „Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas sagen würde“ und  „es ist wirklich sehr traurig“, meinte Xav. Aber: „So bleibt heute leider keine andere Wahl mehr als die ‚defensive Aufrüstung‘.“ Wladimir wird jetzt geghostet! #Sad

Überhaupt war die Osterzeit leider eine Zeit der zerbrochenen Freundschaften. Nix mit „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Rezentes Beispiel: Ex-Polizei-Gewerkschaftler und Ex-CSV-Kandidat Pascal Riquier träumte davon, als „Conseiller de gouvernement“ mal so richtig aufzuräumen. Doch Léon Gloden übernahm lieber selbst die Hauptrolle des verrückten Sheriffs und cancelte das angebliche Versprechen der CSV. Der absolut bescheidene Pascal Riquier rüstete defensiv auf und nannte die Politik des Innenministers komplett falsch. Mit so was wollte der denn auch nun gar nichts mehr zu haben. Komisch nur, dass der Ex-Kandidat das CSV-Programm offenbar nicht gelesen hatte …

Bewaffelte Talente

Zerbrochen scheint auch die fast schon biologische Verbindung zwischen Jean La Gaufre und dem Oktavmäertchen – der letzten verbliebenen Institution des guten, alten Marienlandes. Da hat die dreiste Stadtverwaltung von Iron Lydie dem legendären Waffelverkäufer dieses Jahr doch glatt die Teilnahme versagt. Ein Skandal sondergleichen, sogar ein noch schlimmerer als der dreiste Klau unser aller Fußball-EM-Träume durch eine spanische Schiedsrichter-Marionette. Dabei sei Luxemburg Teil seiner DNA, protestierte der Belgier Jean-Marc Vandervaeren aka Jean La Gaufre auf Facebook. Und fand dort zahlreiche Mitstreiter, die bereits zu den Waffen – pardon – zu den Waffeln riefen.

Und das alles nur, weil er trotz 60 Jahren Teilnahme an Luxemburger Volksfesten vergessen hatte, rechtzeitig die Mäertchen-Teilnahme zu beantragen. Wobei: Er hatte einen Antrag eingereicht, sogar früh. Oder doch nicht? Zur Sicherheit hatte er daher noch einen eingeschickt. Leider zu spät. So was aber auch. Vor der Luxemburger Paragrafenreiterei sind halt auch Volksfest-Ikonen nicht gefeit. Wo ist die „Simplification administrative“, wenn man sie braucht? Gut, dass #Luc da aufräumen will. Sonst gehen uns noch weitere ausländische Talente verloren.

Schlimmer noch: Unsere einheimischen Talente könnten gar ins Ausland gehen. Vor allem nach dem 9. Juni könnte uns ein wahrer politischer Aderlass bevorstehen. Denn dann sind Europawahlen und seit dieser Woche wissen wir: Noch nie war die Auswahl an Kandidaten so groß und selten war die Qualitätsdichte so dicht. Endlich können wir uns mal eine richtig schlagkräftige Truppe zusammenstellen, um sie ins EU-Parlament zu entsenden. Wo sonst könnte am Ende ein Dream-Team aus Joé Thein, Ali Ruckert, Alex Penning, Jean-Marie Jacoby, Peter Freitag und Frank Engel stehen. #jepeuxvoter

Akutes Lydie-Splaining

Aber wahrscheinlich haben alle wieder nur alles falsch verstanden. Wir warten auf die Erklärung von Iron Lydie  – nur sie weiß alles. Mit Vorliebe erläutert sie anderen – meist Jüngeren –, wie der Hase eigentlich läuft und dass sie gar keine Ahnung haben und deshalb jede Kritik an der Bürgermeisterin der Herzen fehlgeleitet ist. Einen Präventivschlag führte Lydie gegen „Parteifreundin“ und Ministerin Yuriko durch – natürlich in Sachen Tram.

Iron Lydie erklärt begeisterten Zuhörern die Welt. Fern „the Tiger“ Etgen findet es lustig. (Foto: MMTP)

„D’Madamm Minister huet elo just selwer gesot, an dat wësse mer: Si ass nei an där doter Fonctioun. An net méi spéit wéi muer de Mëtten hu mer eng grouss Versammlung, wou mer ufänken, si an déi Dossieren, déi net esou einfach sinn, wéi dat heiansdo duergestallt gëtt …, wou mer déi wäerten zesumme kucken“, meinte Iron Lydie im Parlament ganz großmütterlich. Klar, Yuriko ist dafür bekannt, völlig unvorbereitet Dossiers anzugehen. Und kein Beamter kennt das Tram-Dossier so gut wie Lydie, schließlich sitzt sie seit 25 Jahren drauf.

Niemand hört auf Taina

Aber Iron Lydie erhielt Schützenhilfe aus unerwarteter Richtung: von einem roten Sozialisten! Er sehe keinen Grund, das Bettelverbot in Ettelbrück aufzuheben, sagte der LSAP-Bürgermeister Bob Steichen im Interview mit „Radio 100,7“. „Ech kucken do no menger Gemeng“, meinte er etwas patzig. Ein Satz, der genauso von Lydie stammen könnte.

Gegenüber der Power-Frau der LSAP, Taina Bofferding, rüstete Bob Steichen auch schon mal „defensiv“ auf. Denn die frühere Innenministerin habe das Ettelbrücker Bettelverbot durchgewunken, meinte er. Upsi, das kann doch gar nicht sein, denn Taina steht auf der Seite der Guten und kämpft gegen Populismus und Demagogie. Bob aus Ettelbrück sah aber auch keinen Bedarf, mit Taina über das Bettelverbot zu sprechen.

Einen Drogenkonsumraum, also so eine Fixerstuff wie in Luxemburg-Stadt, das möchte Bob in Ettelbrück auch nicht. Nationale Solidarität hin oder her. Das wäre ja noch schöner, denn dann kämen womöglich noch viel mehr Drogenkonsumenten von außerhalb in die beschauliche kleine Gemeinde Ettelbrück – dem vermaledeiten gratis öffentlichen Transport sei Dank.

Wir stellen fest: Lokalfürsten mit Nimby-Syndrom gibt es eben in allen Parteien. Aber wie Mars sagen würde: „Firwat net?“


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