Ein anderer Wochenrückblick ist möglich: Pünktlich zum Wochenende blickt die REPORTER-Redaktion mit einem Augenzwinkern auf jene Themen zurück, die uns und die Medien insgesamt beschäftigt haben. Diese Woche: Lachen als Allheilmittel und andere Märchenerzählungen.

Es war einmal ein kleines, zauberhaftes Ländchen im Herzen Europas, das von der ganzen Welt beneidet wird. Wegen seinen tollen Schlössern, seinen vielen Briefkästen und zuletzt auch wegen seinen unfassbaren Testkapazitäten in der Pandemie. Doch der eigentliche Star, das weiß auch der US-Fernsehsender ABC, ist die Großherzogin, das « Äquivalent der Königin des Landes », wie es in dem märchenhaften Interview mit Queen Maria Teresa I. gleich zu Beginn heißt.

Es sei wirklich schwer, sich die « Love story » der Königin und ihres Gatten (wie heißt er noch gleich…?) nicht als « Fairytale » vorzustellen, sagt die sichtlich beeindruckte Interviewerin gleich zu Beginn. Dabei ist die Geschichte der Luxemburger Queen « in mancher Hinsicht so ähnlich wie Meghan Markle »… « Zwei Frauen, zwei Außenseiterinnen », die sich erst einmal in der « exklusiven Gesellschaft » der Monarchie zurechtfinden mussten.

Hasta la revolución siempre

Wie wir schon immer wussten und unser aller Königin noch einmal betont: Dieses Leben verlangt « mehr » als von Normalsterblichen. Und es ist wahrlich nicht einfach: „Ich kann Ihnen sagen, ein Diadem während fünf Stunden bei einem Staatsbankett zu tragen, kann einem starke Kopfschmerzen zufügen“, so Maria Teresa. Schlimmer ist da nur noch, sich überhaupt in einen Kronprinzen zu verlieben. Das war « the worst thing », so die sympathische Hauptdarstellerin über die romantischen Anfänge ihrer Liebesgeschichte.

Wie im Märchen… Königin Maria Teresa in der Ausübung ihres hoheitlichen Amtes.

Über « Henry, the crown prince », einen anscheinend nur funktional nötigen Nebendarsteller der Handlung, erfährt man in dem fesselnden Interview dagegen nicht so viel. Auch über die ewigen Knechte der Luxemburger Monarchie, Youngling Xavier, Handmaid Yuriko und Killjoy Jeannot geht leider nicht die Rede. Doch bei aller Märchenerzählung, gibt es dann doch noch eine klare Ansage in Richtung Realpolitik. Die Königin mit den feurigen kubanischen Wurzeln denkt nämlich nicht daran, sich weiter anzupassen. Ihre Mutter habe ihr immer gesagt: « Don’t change, don’t ever change! »

Einen ähnlichen Rat erhielt offenbar auch David Wagner. Der letzte Romantiker der Luxemburger Politik glaubt nämlich weiter an die « Revolution ». „Auf die Jugend kommt sehr viel zu, aber ich habe auch Hoffnung und ich sage jetzt das Wort, ich glaube es gibt ein revolutionäres Potential bei den 20-Jährigen“, schwärmt der Bald-Nicht-Mehr-Abgeordnete im RTL-Interview. Irgendwann werde es „knuppen“ und dann könnte es nur besser werden, so der Linken-Politiker, der seine Klassenkameraden schon in der Grundschule mit Lenin-Zitaten nervte.

Lachen statt Lockdowns

Durchaus geknuppt hat es diese Woche in Sachen Cargolux-Verwaltungsrat und Christiane Wickler. Die Kurzzeit-Abgeordnete erlebte nämlich ein Kurzzeit-Comeback in der Öffentlichkeit. Denn François Bausch – oder wie ABC ihn nennen würde: das Äquivalent des wohlwollenden Diktators von Déi Gréng – platzierte seine Queen an die Spitze der besten Fluggesellschaft seit es grüne Minister gibt. Dass Wickler in letzter Zeit weniger als Top-Unternehmerin denn als Top-Querdenkerin in Erscheinung trat, das konnte Bausch, der sich vor Jahren aus der aufgeregten Twitter-Blase verabschiedet hatte, nun wirklich nicht wissen.

Wir finden den Shitstorm gegen die Grünen-Frau für alle Fälle allerdings maßlos übertrieben. Ihre Querdenkfabrik « Expressis verbis » ist laut Wickler nämlich nur eine « Tankstelle für positive Energie », die den Leuten die Angst vor dem Virus nehmen und wieder Optimismus und Menschlichkeit bringen will. Lachen müsse noch erlaubt sein und Lachen sei auch « gut für das Immunsystem », sagte die Unternehmerin kürzlich in einem Interview mit « Bas TV », das « Recyclingzentrum für gequirlten Schwachsinn », wie es originelle Metaphernfans wie Wickler liebevoll nennen.

Deshalb auch unser Appell: Falls Sie wider alle versprühte Menschlichkeit in der Luft an Covid-19 erkranken sollten, lachen sie das böse Virus einfach weg. Und falls Sie sich zufällig seit über einem Jahr auf einer Intensivstation des Landes abschuften und immer wieder Angehörigen erklären müssen, warum ihr geliebtes Familienmitglied an oder mit Covid sterben musste, nehmen Sie sich einfach eine kleine Auszeit und kichern sie ganz tief in sich hinein. Dann geht es sicher schon besser.

Liberale Märchenstunde

War sonst noch was? Ach ja, diese humorlose Pandemie… Nachdem sich das 30- bis 55-jährige Bildungsbürgertum mit dem beliebten AstraZeneca-Impfstoff eindecken konnte, hatte der Premier Anfang der Woche noch eine weitere frohe Nachricht zu verkünden. Vor der Sommerpause können alle mit einer Einladung zur Impfung rechnen, sagte Xavier Bettel auf dem DP-Parteikongress. Wo auch sonst? Ob mit « alle » auch Nicht-DP-Mitglieder gemeint sind, war bis Redaktionsschluss noch nicht mit absoluter Sicherheit in Erfahrung zu bringen.

Doch es zeigt sich einmal mehr: Als DP-Mitglied lebt es sich viel unbeschwerter. Pandemie? Corona? Was war das noch gleich? Bei Xavier Bettel und seinen liberalen Freunden gehört das alles schon zur Vergangenheit, wie man im wohl verfrühtesten Wahlkampf-Video seit « Mir hunn e Plang » erfahren kann.

Die Sonne geht auf über Luxemburg-Stadt, eine Stimme im Off sagt « Es gibt Momente im Leben, in denen viel auf dem Spiel steht », das ganze untermauert von einer dramatischen Musik. « Wenn es hart auf hart kommt, dann muss man bereit sein, Verantwortung zu übernehmen », « mit Herz und Verstand », so das neue metaliberale Credo. Pierre Gramegna, Lex Delles, ja selbst der Inkognito-Minister Marc Hansen, sie alle wissen, wie es geht, erzählt uns die Off-Stimme das Märchen des DP-Staates.

Käpt’n Blaubär und seine Gang

Dabei merkt der aufmerksame Beobachter dann doch, dass die liberale Heldenerzählung etwas selektiv ausfällt. Lex Delles hat zwar mit eigenen Händen die mittelständischen Betriebe vor der Pleite gerettet, Pierre Gramegna im Alleingang für total sichere Staatsfinanzen gesorgt, alles klar. Marc Hansen hat ein Gehälterabkommen mit den Staatsbeamten abgeschlossen, und das « mitten in der Krise », wow! Die großen Leistungen von Claude Meisch fallen im Video aber eher, naja, abstrakt aus. Der Bildungsminister hat irgendwas mit Kindern und Zukunftschancen gemacht, das muss reichen.

Warum Corinne Cahens Krisenpolitik in den Pflegeheimen nicht würdigend erwähnt wird, ist uns allerdings ein Rätsel. Es war bestimmt kein Platz mehr im Video. Dabei hätte der DP-Slogan hier doch so schön gepasst: « Wenn es hart auf hart kommt, dann muss man bereit sein, Verantwortung zu übernehmen… » Und wenn es knüppelhart kommt, dann muss man so eine Krise auch einfach mal kommentarlos aussitzen können.

« Verantwortung übernehmen ». (Symbolbild: DP)

Egal wie hart es kommt, die gute Nachricht ist: Der blaue « Kapitän » hat die Lage im Griff. « Luxemburg hat diese Krise besser als viele andere Länder gemeistert », so die gefühlt wahre, aber nicht weiter untermauerte Behauptung zum Schluss des DP-Videos. Ja, aber warum sind wir denn jetzt so liberal-genial durch die Krise gekommen? Es war letztlich « der Kapitän an Bord, der uns die Richtung vorgegeben hat ». « Ein Kapitän, der Verantwortung übernommen hat. » So, das wars. Musik aus. Abspann. Pandemie vorbei. Der Wahlkampf kann beginnen.

Wir lernen: In einer Krise kommt es bekanntlich auf den Kapitän und die Minister von einer ganz bestimmten Partei an. Ein Verweis auf all die namen- und parteilosen Matrosen, die seit Monaten in den Krankenhäusern dafür sorgen, dass das Boot nicht kentert, wäre nun wirklich zu viel des Guten gewesen. Und auch all jene, für die offensichtlich kein Platz mehr im Rettungsboot war, finden im DP-Video keine Erwähnung.

Wir geben an dieser Stelle zu: Die liberalen Geschichtenerzähler könnten noch an ihrem Schluss feilen. Im Zweifel heißt es nämlich wie in jedem Märchen: « Und wenn sie nicht gestorben sind … »


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