Ein anderer Wochenrückblick ist möglich: Pünktlich zum Wochenende blickt die REPORTER-Redaktion mit einem Augenzwinkern auf jene Themen zurück, die uns und die Medien insgesamt beschäftigt haben. Diese Woche: Eine bärenstarke Regierung und Minister als schmelzende Eisberge.

Bitte weitergehen, hier gibt es nichts zu sehen! Die Regierung macht wie immer eine prächtige Arbeit. Der Fakt, dass gleich drei Minister diese Woche ihren Rücktritt verkündet haben, hat natürlich rein gar nichts zu bedeuten. Die Dreierkoalition ist letztlich so wie auf der besten Party, auf der sie je waren: Nichts wie weg hier, die Stimmung ist einfach zu gut!

Und dann noch diese Umfragen: ein Gedicht! Wer hätte das denn auch gedacht? Die CSV wird für ihre Freundeskreis-Affäre und schiere oppositionelle Impotenz abgestraft. Die DP war auch schon mal lässiger unterwegs. Die LSAP profitiert bis auf Weiteres vom Paulette- und « Wir-haben-die-Pandemie-ja-sooo-toll-gemeistert »-Effekt. Die Grünen, ja, die sind auch noch irgendwie dabei. Da bleiben ja fast nur zwei Alternativen: die ADR als integrierendes Rentner- und Wutbürgerkomitee. Und Sven Clement, der Oppositionspolitiker, der tatsächlich manchmal Oppositionspolitik macht und dem die Radio- und TV-Mikrofone des Landes zu Füßen liegen.

« Du jamais vu »

Die kommenden Wahlen drohen demnach selbst die bitterste Satire ganz schön alt und humorlos aussehen zu lassen. 2023, also im Jahr, wenn auch die letzten amtsmüden Minister dieser Koalition zurückgetreten sind, droht « du jamais vu », wie es « RTL » in Bezug auf die jüngste « Sonndesfro »-Umfrage ausdrückte. Auch wenn Halloween längst vorbei ist und am nächsten Sonntag natürlich (bis zum Retrospect-Redaktionsschluss jedenfalls nicht bekannt) keine Wahlen sind, wollen wir an dieser Stelle aber schon mal den Blick in die gruselige Kristallkugel wagen …

Ein Sonntagabend, spätestens im Oktober 2023, kurz nach Schließung der Wahllokale, tröpfeln die ersten Ergebnisse ein. Schon bald bestätigt sich das politische Erdbeben: CSV minus 30 Sitze, Déi mam Paulette plus 80, DP mit einem Copy&Paste von vor fünf Jahren, Déi Gréng auch wieder dabei, usw. Bei diesem Wahlresultat einigen sich die Parteien schnell darauf, dass zur Bewahrung des heiligen Triple A nur eine Allparteienkoalition der nationalen Einheit möglich ist.

Premierminister wird Jean-Claude Juncker, weil sonst keiner mehr will.  Gesundheitsministerin: Paulette Lenert, weil das in der auch 2023 immer noch andauernden Pandemie bisher so toll geklappt hat. Minister ohne Ressort, weil Hauptsache Minister: Sven Clement. Justiz- und Wohnungsbauminister: Daniel Freres, weil die Piraten ihre besten Leute nicht einfach so fallen lassen. Kultur- und Medienminister: Marc Goergen, dito. Ein gewisser Marc Hansen soll auch weiterhin Minister bleiben, weil niemand wagte, ihm die Botschaft zu überbringen, dass er seine Wiederwahl schon wieder verpasst hat. Xavier Bettel wird derweil EU-Kommissar für Wissenschaft, Forschung und Open Data.

De Lëtzebuerger Bifdeck

Bis 2023 aber ist es noch ein langer Weg. Bis dahin muss irgendwer den Laden wuppen. Und einer hat seit dieser Woche bekanntlich keine Lust mehr. Nach den beiden Schneiders und Dan Kersch will mit Pierre Gramegna bereits der vierte Minister sein Leben zurück. Die DP stellt das vor ein echtes Problem. Denn schließlich braucht man für das Finanzministerium jemanden, der, um es mit Xavier Bettel auszudrücken, « weess wéi, wat, wou fonktionnéiert am Staat ». Dafür jemanden in den Reihen einer Regierungspartei zu finden, ist natürlich eine Mammutaufgabe.

Das hielt die Journaille trotzdem nicht davon ab, wild zu spekulieren. « Informationen des ‘Luxemburger Wort’ zufolge » würden denn auch nur zwei mögliche Nachfolger in Frage kommen: « Kinsch oder Meisch ». Ganze 17 Kandidaten konnte sich dagegen die Redaktion von « Paperjam » aus den Fingern saugen. Selbst Tourismus- und Frühstücksminister Lex Delles war im Rennen. Das « Land » engte die Suche dann doch etwas ein und war sich fast schon sicher, dass Ex-EY-Chef Alain Kinsch den Job übernehmen würde. Schließlich habe Pierre Gramegna, nach seinem Interview bei « RTL » am Abend, « selon plusieurs sources » mit Alain Kinsch diniert.

Ob es bei dem Abendessen Steak gab, ist allerdings nicht übermittelt. Ist aber auch egal, denn am Ende ging auch Kinsch, der schon 2013 von masochistischen Politikjournalisten als Minister gehandelt worden war, leer aus. Die Rolle des internationalen Verteidigers vom « Lëtzebuerger Bifdeck » (Bettel) übernimmt in Zukunft nämlich eine Frau, die keiner der mutmaßenden Journalisten auf der Rechnung hatte: Yuriko Backes.

In aller Bescheidenheit

Bevor das frisch-verbriefte DP-Mitglied und Noch-Hofmarschallin den Posten bekleiden konnte, war es aber zunächst an Pierre Gramegna. In der ihm eigenen Bescheidenheit bedankte sich der Noch-Finanzminister vor der Presse für den Oscar für sein Lebenswerk. Und natürlich für die gemeinsame Zeit in der Regierung. Besonderer Dank gelte dabei neben seiner Frau, seiner Mutter und seinem Großvater noch jemandem, nämlich uns allen: « Ech wëll och dem Land, Lëtzebuerg, Merci soen. » #KeinThema.

Neben Danksagungen enthielt die Rede des Mannes, der den Staatshaushalt eigener Einschätzung nach in den letzten Jahren mit seinen bloßen Händen saniert hatte, aber auch die eine oder andere politische Weisheit. So lernte das Publikum, wie das mit dem Regieren wirklich funktioniert: « Ein Ministerium ist wie ein Eisberg, bei dem das Meiste unsichtbar unter Wasser liegt. Der sichtbare Teil der Arbeit, die ein Minister macht, sind höchstens zehn Prozent », so der Teamplayer Gramegna. Auch wir finden die Eisberg-Metapher übrigens äußerst treffend. Der Mann an der Spitze macht sich vom Acker und der Rest schmilzt allmählich dahin. In Zeiten des Klimawandels kann da nun wirklich nichts mehr schiefgehen.

Aber auch für die eigene Lebensführung hatte der Finanzminister zum Schluss noch Tipps parat. Er wisse zwar nicht mehr, wo er es gelesen habe, dennoch habe er sich den Spruch gemerkt: « If you want to go fast, go alone. If you want to go far, go together. » Wir finden: So selbstlos und lebensfroh kennt man die lustigen liberalen Freunde unserer Regierung. Irgendeinen smarten Spruch von Insta kopieren, einfügen und daraus sein Lebensmotto machen. #LiveLoveLaugh

Luxemburg sucht den nächsten Hofmarschall

Die große Frage, die sich nun das ganze Land stellt, ist natürlich, wer der oder die nächste Hofmarschall*in wird. Denn wie die sehr spitzfindige Has-Been-Prinzessin Tessy de Nassau aka. Tessy Antony de Niederkorn bemerkte, wäre das ja ein „conflict of interest“, wenn Yuriko Backes Finanzministerin und Hofmarschallin gleichzeitig wäre. #DuJamaisVu bzw. #BienVu

Die Suche hat jedenfalls schon begonnen. Die gesamte Retrospect-Redaktion hat schon kräftig Spekulatius genascht und ist auf eine Liste von – sage und schreibe – 17 möglichen Kandidaten und Kandidatinnen gekommen. Zuerst wäre da natürlich Tessy de Nassau aka. Tessy Antony de Niederkorn selbst. Es wäre ein Mediencoup, wie ihn Xavier Bettel mag, noch größer als der von Yuriko Backes. Ähnlich bad ass wäre die Personalie Jeannot Waringo. Für ihn spricht, dass er sich bereits mit den Gegebenheiten zu Hofe auskennt. Das gleiche Argument könnte jedoch auch gegen ihn sprechen.

Ein absoluter safe pick wäre natürlich Jean-Claude Juncker, der nachweislich alles kann. Oder auch Viviane Reding, die zumindest von sich behauptet, alles zu können. Die CSJ wirbt indes zusätzlich für Jean-Marie Halsdorf, Octavie Modert, Aly Kaes, Emile Eicher und Michel Wolter. Nur durch eine Blitzbeförderung würden die Langzeit-Parlamentarier endlich Platz für die Jugend machen. Aus dem gleichen Grund wirbt auch Corinne Cahen für Lydie Polfer. Letztgenannte macht indes Werbung für Corinne Cahen.

We feel you Fern! All diese Personalwechsel sind vor Spannung kaum noch auszuhalten… (Foto: Chambre des députés)

Sonst könnte auch in alter Tradition Fernand Etgen als Parlamentspräsident den beliebtesten Posten, seit es großherzogliche Höfe gibt, übernehmen. Weiter im Rennen ist auch Alain Kinsch, der gestern laut mehreren Quellen mit Mini-Prinz Charles eine Kachkéisschmier brunchte. Das Motto dieser Variante: Wenn der Finanzplatz nicht mal in der Regierung das Sagen haben darf, dann wenigstens zu Hofe. Dann wären die Rollen auch endlich mal klarer verteilt. Unter Großherzog Henri gäbe es dann nur noch Alain Kinsch, der ganze Rest wird outgesourct.

Gute Chancen könnte laut extrem schlecht informierten Kreisen auch Frank Engel haben. Der ewige Vorsitzende des CSV-Frendeskrees kennt sich bekanntlich gut mit schwierigen Dienstherren aus. Der Arbeitsvertrag als « Chargé de mission » soll denn dem Vernehmen nach auch schon stehen. Selbst Dan Kersch soll Interesse angemeldet haben, um auch dem Letzten zu beweisen, dass man als Ex-« Kommunist » wirklich alles erreichen kann. Und dann wäre da noch ein gewisser Etienne Criqui, den das Staatsministerium für seine Verdienste an Premier, Land und Wissenschaft belohnen könnte.

Absolute Favoritin ist allerdings die Großherzogin selbst. Vieles spricht dafür: Endlich wieder eine freie Handhabe in der Personalpolitik, selbst-autorisierte Interviews und niemand, der die Autorität ihrer wahren Majestät infrage stellen könnte. Wie es aus lächerlich gut desinformierten Kreisen heißt, habe Höfling Stéphane Bern seinen Kumpel Xavier Bettel denn auch schon in diese Richtung beraten.

Nette Dealer und freche Polizisten

War sonst noch was? Ach ja, Lydie Polfer ist nicht nur eisern, wenn es um die Verhinderung von sinnvollen politischen Maßnahmen geht. Sie ist auch überaus mutig, denn diese Woche hat sie sich doch tatsächlich in die No-Go-Area ihrer Stadt getraut. Und siehe da: Es ist alles gar nicht so schlimm, wie es immer dargestellt wird. Ein Einwohner des Garer Quartier berichtete bei einer Informationsversammlung etwa, dass die Dealer immer sehr freundlich seien und nett grüßen würden. Ganz anders würde dagegen die Polizei in der Luxemburger Bronx auftreten. Vor allem die jüngeren Rekruten hätten keinen Respekt vor den Einwohnern und seien frech, hieß es von den ansonsten nicht allzu besorgt wirkenden Bürgern.

Aber das ist nicht das Einzige, was im Bahnhofsviertel schief läuft. Die Stadt wollte für die Bürgerversammlung eigentlich alle Haushalte des Viertels einladen. Doch das Privatunternehmen, das die Einladungen verteilen sollte, hat sich wohl nicht in die Niederungen des kriminellen Sumpfes getraut. Wir lernen also: Nicht nur ist eine private Sicherheitsfirma unfähig, die Polizei zu ersetzen, auch eine private Firma arbeitet im Auftrag des Schöffenrates unzuverlässiger als die Post. Oder, um es mit Xavier Bettel zu sagen: Anscheinend gibt es gar keine Person, die weiß « wéi, wat, wou fonktionnéiert » im Bahnhofsviertel.


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