Veuillez trouver la version française de cet article ici: Editpress dans la tourmente

Massiver Auflagenrückgang, defizitäre Tochterunternehmen und schwindende Kreditwürdigkeit: Das Verlagshaus Editpress steht vor einem Umbruch. REPORTER erklärt, wie es dazu kam und warum schmerzhafte Entscheidungen anstehen.

„Wir befinden uns in einer sehr schwierigen Situation“: Die vertrauliche Diagnose eines Mitglieds des Editpress-Verwaltungsrats ist nicht neu. Einschneidende Maßnahmen zur Umstrukturierung des Konzerns seien unumgänglich. Diese seien bisher, je nachdem mit wem man spricht, am Hauptaktionär oder an der Doppelspitze Alvin Sold und Danièle Fonck gescheitert. Jetzt sei allerdings höchste Zeit, zu handeln, verlautet es aus dem Verwaltungsrat weiter. Zum Wohl des Unternehmens und zur längerfristigen Absicherung des Überlebens des traditionellen Verlagshauses an der Escher Kanalstraße.

Gerüchte über finanzielle Schwierigkeiten bei Editpress halten sich in der Branche hartnäckig. Recherchen von REPORTER zeigen, dass es sich dabei nicht nur um Gerüchte handelt. Die Zahlen und andere Fakten offenbaren: Der Herausgeber von « Tageblatt », « Quotidien », « Jeudi » und Co. steht wirtschaftlich mit dem Rücken zur Wand – trotz relativierenden öffentlichen Beteuerungen der Verantwortlichen. Und trotz millionenschwerer jährlicher Pressehilfe durch den Staat.

Rapide sinkende Leserzahl

Die Krise bei Editpress wird nicht zuletzt durch die Entwicklung der Auflagen verdeutlicht. Zwar gilt der Befund des Rückgangs der zahlenden Leserschaft nahezu für die gesamte gedruckte Presse im Land. Doch bei den Editpress-Publikationen ist die Lage im Vergleich noch deutlich angespannter.

Laut der Plurimedia-Studie von TNS Ilres vom September 2017 lesen 39.000 Einwohner über 15 Jahre bzw. 7,9 Prozent der Bevölkerung regelmäßig das „Tageblatt“. 2012 waren es noch 47.400 bzw. 11,2 Prozent. Auch „Le Quotidien“ verlor im Zeitraum von fünf Jahren wesentliche Marktanteile (von 6,5 Prozent in 2012 auf 5,8 Prozent in 2017), ebenso wie „Le Jeudi“ (7,4 Prozent in 2012 auf 4,7 Prozent in 2017).

Dass der negative Trend auch an den Konkurrenten nicht spurlos vorbeigeht, zeigt die Entwicklung des Marktführers „Luxemburger Wort“: In 2012 hatte die größte luxemburgische Tageszeitung noch einen Marktanteil von 172.000 Lesern bzw. 40,8 Prozent, 2017 schrumpfte dieser auf 155.300 Leser bzw. 31,4 Prozent.

Künstlich aufgeblähte Auflagen

Viel aussagekräftiger als die von den betroffenen Medien selbst viel zitierte Plurimedia-Studie, bei der auf Basis von Umfragen die Reichweite gemessen wird, ist allerdings die Entwicklung der Auflagen. Diese werden regelmäßig vom belgischen „Centre d’Information sur les Medias“ (CIM) im Auftrag der Luxemburger Verlage gemessen, landen aber sehr selten in Medienberichten. Angesichts des rapiden Rückgangs der bezahlten Auflage der luxemburgischen Zeitungen lässt sich die Krise der vergangenen Jahre anhand von diesen konkreten Zahlen belegen.

Der Verweis auf die höhere Gesamtauflage kann bei Werbekunden durchaus den Eindruck einer größeren Legitimität erwecken.Michaël Debels, Centre d’Information sur les Medias

Generell fällt bei den Editpress-Produkten eine krasse Diskrepanz zwischen Gesamtauflage und bezahlter Auflage ins Auge. Das heißt: Man druckt weitaus mehr als man tatsächlich verkauft. Dieser Umstand äußert sich vor allem durch die Gratis-Verteilung (im Verlagsjargon „free push“ genannt) von Editpress-Produkten. Wer gerade in der Stadt Luxemburg, in Esch oder Differdingen wohnt, kennt das: Regelmäßig liegen ungefragt „Tageblatt“ und „Jeudi“ im Briefkasten. Auch bei öffentlichen Events verteilen Editpress-Mitarbeiter eifrig die Zeitungen des Hauses. Die landläufige Bezeichnung der staatlichen Pressehilfe als Subvention von bedrucktem Papier bekommt so eine ganz neue Dimension.

Erschwerend hinzu kommt die Tatsache, dass der Auflagenschwund bei Luxemburgs Zeitungen im Vergleich zum Ausland nicht einmal ansatzweise durch digitale Bezahlmodelle kompensiert werden kann.

Die nackten Zahlen

Die gedruckte Auflage des „Tageblatt“ belief sich 2017 laut CIM durchschnittlich auf 22.899, die verkaufte Auflage dagegen nur auf 9.958 (9.141 Abos und 817 einzeln verkaufte Exemplare). Über 10.000 Zeitungen, also fast die Hälfte der gesamten Auflage, wurden demnach tagtäglich gratis vertrieben. Die bezahlte digitale Auflage lag bei 174. Der Trend lässt nichts gutes verheißen: 2007 betrug die bezahlte Auflage des Editpress-Flagschiffes noch fast 17.000, heute nur noch weniger als 10.000 – ein Minus von 40 Prozent innerhalb von zehn Jahren.

„Le Quotidien“ wird im Durchschnitt des Jahres 2017 täglich 7.484 Mal gedruckt. Die verkaufte Auflage liegt allerdings nur bei 3.445, darunter 2.759 Abos und 686 im Kiosk verkaufte Exemplare. Digitale Abos: 38. Seit 2007 hat die französischsprachige Tageszeitung demnach 36 Prozent ihrer bezahlten Auflage eingebüßt.

„Le Jeudi“ hat eine Gesamtauflage von 15.532, verkauft werden davon aber nur 1.619 Exemplare (1.359 über Abonnements, 260 über Einzelverkauf). Vor zehn Jahren war die Bezahlauflage des „Jeudi“ mit 3.215 noch fast doppelt so hoch. Über 12.000 gedruckte Exemplare bzw. über 75 Prozent der gesamten Auflage der Wochenzeitung aus dem Hause Editpress werden gratis verteilt.

Eine Editpress-Publikation, die in dieser Hinsicht aus der Reihe fällt, ist die „Revue“. Das wöchentlich erscheinende Magazin hatte 2017 laut CIM eine Gesamtauflage von durchschnittlich 17.376 pro Woche, die bezahlte Auflage liegt bei 13.136. Lediglich 493 Exemplare wurden kostenlos verteilt, der Rest nicht verwertet.

Bei der Gratiszeitung „L’Essentiel“ gibt es die auffällige Kluft zwischen Gesamt- und Bezahlauflage logischerweise nicht. 101.992 Exemplare werden durchschnittlich pro Tag gedruckt, fast 94.000 davon werden gratis an die Leser gebracht.

Die Tatsache, dass zum Teil doppelt so viel gedruckt wird wie verkauft, ist laut Experten vor allem durch die an die Auflage gekoppelte Berechnung der Anzeigenpreise für Werbekunden begründet. Dies bestätigt auch Michaël Debels vom CIM. „Der Verweis auf die höhere Gesamtauflage kann bei Werbekunden durchaus den Eindruck einer größeren Legitimität erwecken“, so der für Printmedien zuständige Forschungsdirektor. Generell bzw. auch auf dem belgischen Markt steige die Anzahl von gratis verteilten Zeitungen. Im Vergleich sei man in Belgien aber noch weit entfernt von den „Proportionen“ des Gratisvertriebs bei manchen luxemburgischen Publikationen.

Ich bin nicht in der Lage, Inhalte aus vertraulichen Diskussionen im Verwaltungsrat zu bestätigen oder zu dementieren.Nico Clement, Verwaltungsratspräsident Editpress

Allerdings ist die künstliche Steigerung der Gesamtauflage im Vergleich zur bezahlten Auflage laut den Zahlen des CIM weniger ein luxemburgisches als ein Editpress-Phänomen. So hat das „Luxemburger Wort“ (Herausgeber Saint-Paul Luxembourg) eine gedruckte Auflage von insgesamt 58.276 – die große Mehrheit davon (rund 54.000, darunter 51.737 Abos und 2.316 im Einzelvertrieb) wird auch verkauft. Hinzu kommen 2017 2.139 bezahlte Digitalabos. Ähnlich lauten die Zahlen des „Télécran“ (ebenso herausgegeben von Saint-Paul), dessen Gesamtauflage sich auf 25.266 beläuft, bei einer bezahlten Auflage von 22.199.

Freilich sind die Auflagen dieser Publikationen unabhängig davon auch stark rückläufig. Die bezahlte Auflage des „Wort“ ging innerhalb von zehn Jahren von knapp 70.000 um 17 Prozent zurück, die des „Télécran“ um fast 35 Prozent.

Für andere Luxemburger Presseprodukte wie „Journal“, „d’Lëtzebuerger Land“, „Woxx“ oder „Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek“ liegen keine überprüfbaren Zahlen zur verkauften Auflage vor, weil die jeweiligen Herausgeber sich nicht an der unabhängigen Auswertung durch das CIM beteiligen.

« Kein Grund zum Alarmismus »

Der rapide Auflagenrückgang der Editpress-Produkte schlägt sich unmittelbar im operationellen Geschäft und in den Bilanzen nieder. Die Finanzlage von Editpress ist alles andere als rosig: Zwischen 2013 und 2015 sank der Umsatz um acht Prozent auf 15,1 Millionen Euro. Im letzten verfügbaren Berichtsjahr 2016 verzichtete das Unternehmen darauf, den Umsatz zu veröffentlichen.

Dazu kamen 2016 nicht weniger als 17,5 Millionen Euro an Verbindlichkeiten, davon 10,2 Millionen an Schulden gegenüber den Banken. Das entspricht einer Verschuldungsquote von rund 50 Prozent – trotz einer Kapitalerhöhung von knapp einer Million Euro im Jahr 2014.

Die vorgesehene und wünschenswerte Kapitalerhöhung konnte 2016 noch nicht durchgeführt werden.Danièle Fonck, Generaldirektorin Editpress

Laut gut unterrichteten Kreisen hat die finanzielle Situation von Editpress mittlerweile auch die Banken alarmiert. Die Kreditwürdigkeit des gesamten Unternehmens sei nicht mehr dauerhaft gegeben, heißt es von mehreren Quellen, die mit den Diskussionen im Verwaltungsrat vertraut sind. Darauf angesprochen, sagt Verwaltungsratspräsident Nico Clement, dass solche Diskussionen über die finanzielle Aufstellung des Betriebs nicht ungewöhnlich seien und es keinen Grund zum „Alarmismus“ gebe. Dass Editpress bei Banken keine Kreditlinie mehr gewährt bekommt, will Clement auf Nachfrage von REPORTER nicht kommentieren. „Ich bin nicht in der Lage, Inhalte aus vertraulichen Diskussionen im Verwaltungsrat zu bestätigen oder zu dementieren.“

Fest steht ferner: Das Gesamtergebnis des Jahres 2016 von knapp 400.000 Euro war positiver als noch in den Jahren zuvor. Allerdings stehen in der Bilanz 2016 weiterhin 1,9 Millionen Euro an Verlusten, die das Unternehmen mit sich schleppt.

Am positiven Ergebnis 2016 haben die äußerst profitablen Beteiligungen an „L’Essentiel“ und „Eldoradio“ einen großen Anteil. Die Herausgebergesellschaft von „L’Essentiel“ zahlte 2016 eine Dividende von 700.000 Euro aus, die Hälfte davon ging an Editpress. Vom Eldoradio-Betreiber Luxradio erhielt das Escher Verlagshaus 180.000 Euro an Dividenden.

Beide Beteiligungen können nach wie vor als Erfolgsgeschichten des Editpress-Managements herhalten. Anders sieht es bei den restlichen Beteiligungen und Tochterunternehmen von Editpress aus. Die Palette reicht vom Callcenter über Werbeagenturen bis hin zu Buchverlagen. Sie haben allerdings eins gemeinsam: ein durchgehend negatives Eigenkapital.

Ungezügeltes Wachstum

Ab Ende der 1990er und während der 2000er Jahre wuchs Editpress mit einem beachtlichen Tempo, modernisierte sich und dehnte die Aktivitäten weit über Printmedien hinaus. Manche dieser Investments erwiesen sich als erfolgreich, andere sind bis heute ein finanzielles Fass ohne Boden.

Am Anfang der Expansion stand 1997 die Gründung der französischen Wochenzeitung „Le Jeudi“. Als „beträchtliches Wagnis“ bezeichnete Danièle Fonck diese Entscheidung anlässlich des 20. Geburtstags der Zeitung. Editpress habe die Gelegenheiten genutzt, die der wirtschaftliche und demografische Wandel des Landes gebracht habe, schreibt Fonck im Jahresbericht 2016.

2000 übernahm Editpress die Anteile von RTL (CLT-UFA) und Cactus an der „Revue“. Es sei wichtig ein Familien- und Fernsehmagazin im Sortiment zu haben, erklärte der damalige Generaldirektor Alvin Sold einst im Interview mit „forum“. 2008 stieg die Beteiligung auf 80 Prozent, die restlichen 20 Prozent gehören der Druckerei Techprint. Zum Magazin passte die Gründung ebenfalls 2000 von Espace Régie Luxembourg (heute Espace Médias), die Werbekunden Anzeigen in den Editpress-Produkten verkauft. Auch die Werbeagentur Comed ist inzwischen eine 100-prozentige Tochter des Escher Verlagshauses.

2001 zog das Tempo der Expansion nochmals an: Editpress baute eine neue Druckerei, laut Sold mit 430 Millionen Franken (umgerechnet knapp 10,7 Millionen Euro) das größte Investment der Firmengeschichte. Am 14. November 2001 erschien die erste Ausgabe der französichsprachigen Zeitung „Le Quotidien“, die die Luxemburger Ausgabe des „Républicain lorrain“ ersetzte. An dem Herausgeber Lumédia sind Editpress und Le Républicain lorrain jeweils zur Hälfte beteiligt.

Ausländische Medienkonzerne erlauben Expansion

Die Kooperation mit dem französischen Medienunternehmen war für Editpress der Beginn mehrerer gemeinsamer Projekte mit ausländischen Partnern. 2007 gründete das Escher Verlagshaus zusammen mit dem Schweizer Zeitungsverleger Tamedia die Gratiszeitung „L’Essentiel“. Tamedia gibt die Schweizer Pendlerzeitung „20 Minutes“ heraus, die zahlreiche Inhalte an „L’Essentiel“ liefert.

Diese Expansion beschränkte sich jedoch nicht auf das Kerngeschäft der Printmedien: 2009 entstand das Callcenter Ebos, das Editpress zusammen mit der Rossel-Gruppe betrieb, dem größten Medienkonglomerat im französischsprachigen Belgien (u.a. „Le Soir“, Sudpresse). Zusammen mit dem belgischen Partner gibt Editpress ebenfalls das Anzeigenblatt „Live in Luxembourg“ (früher „Luxpost“) heraus und betreibt das Vertriebsunternehmen Luxdiffusion. 2016 verkaufte Rossel seine Anteile an Ebos allerdings an den belgischen Investmentfonds Kebek, Editpress behielt seine Anteile.

Parallel nahm Editpress zahlreiche Gelegenheiten wahr, seine Beteiligungen auszubauen. 1998 war das Unternehmen gar mit 15 Prozent an der Gründung des Internetanbieters Netline beteiligt – zusammen mit unter anderem der Centrale paysanne. 2006 übernimmt Editpress 25 Prozent an Luxradio, der Betreibergesellschaft von Eldoradio. Über den „L’Essentiel“-Herausgeber Edita war Editpress 2015 an der Gründung von L’Essentiel Radio beteiligt und hält hier indirekt 20 Prozent am Betreiber Radiolux. Im gleichen Jahr hob das Escher Unternehmen gemeinsam mit dem Erzfeind Saint-Paul die Werberegie LuxMediaHouse aus der Taufe. Sie soll Anzeigen bei den belgischen Werbeagenturen beschaffen.

2010 triumphierte der damalige Generaldirektor Alvin Sold: „Crise latente fin 2008, début de crise en 2009, crise ouverte en 2010: telle pourrait être résumée l’évolution récente dans la presse écrite dans la plupart des pays dits ‚occidentaux‘. Les exceptions sont rares; Editpress Luxembourg S.A. est du petit nombre“. Tatsächlich hatte das Unternehmen in jenem Jahr einen Gewinn von 506.045 Euro erwirtschaftet.

Ständiger Finanzierungsbedarf

Die imperiale publizistische Überdehnung blieb jedoch nicht ohne Folgen, denn die Tochterunternehmen brauchen Geld. 2016 hatten die Editions Revue 843.354 Euro Schulden bei Editpress. Bei der Werbeagentur Comed waren es 735.000 Euro, bei der Werberegie Espace Médias 7 Millionen Euro und 2,3 Millionen Euro beim Druckdienstleister Polygraphic. In den jeweiligen Jahresberichten heißt es lakonisch: „La société-mère n’exigera pas un remboursement tant que le retour à meilleure fortune ne sera pas effectué.“

Angesichts negativer Eigenmittel dieser Tochterunternehmen scheint die Umkehr zur Rentabilität kaum ohne weitere Zuschüsse von Editpress möglich. Insgesamt stehen bei Editpress 11,25 Millionen Euro an Forderungen gegenüber Tochterunternehmen und Firmen mit Beteiligungen offen.

Dazu kommen neue Projekte wie etwa L’Essentiel Radio. Die Betreibergesellschaft Radiolux machte 2016 in ihrem ersten kompletten Geschäftsjahr einen Verlust von 175.000 Euro, das bei einem Ausgangskapital von 120.000 Euro. Anders als bei „L’Essentiel“, der bereits nach zwei Jahren das „break even“ erreichte, scheint beim Radio nicht alles im Lot.

Dieser hohe Finanzierungsbedarf könnte auch Folgen für die Unabhängigkeit von Editpress haben. „Die vorgesehene und wünschenswerte Kapitalerhöhung konnte 2016 noch nicht durchgeführt werden“, schrieb Generaldirektorin Danièle Fonck im Jahresbericht 2016. Das Unternehmen müsse weiter Zeit investieren, um den optimalen finanziellen und unternehmerischen Partner zu finden, so Fonck weiter. Die aktuellen Aktionäre scheinen demnach nicht gewillt, alleine die nötigen Mittel beizusteuern.

Nico Clement beschwichtigt in dieser Frage. Die Rede von der Suche nach „strategischen Partnern“ sei alles andere als neu. Generell sei die finanzielle Lage des Unternehmens zwar in der Tat „schwierig“. In dieser Lage sei „Editpress aber keine Ausnahme“, so der Präsident des Verwaltungsrats mit Verweis auf die generelle „internationale Pressekrise“.

Pressehilfe und verkaufte Auflage

Die finanzielle Lage wiegt umso schwerer, wenn man bedenkt, dass die Medien von Editpress insgesamt rund 3,5 Millionen Euro direkte staatliche Pressehilfe erhalten. Fraglich ist dabei, ob die Höhe der Subventionen in einem wirtschaftlich noch vertretbaren Verhältnis zu den besagten verkauften Auflagen stehen.

Wir verkaufen kein Waschmittel, sondern Zeitungen.Nico Clement, Verwaltungsratspräsident Editpress

Die Verbindung wird offensichtlich, wenn man etwa die staatliche Beihilfe nicht an der aufgeblähten Gesamtauflage misst, sondern auf die bezahlten Zeitungen herunterbricht. 2017 erschienen 303 Ausgaben des „Quotidien“, die an die 2.759 Abonnenten gingen. Dazu kamen im Schnitt täglich 686 am Kiosk verkaufte Zeitungen. Der Staat bezuschusste die Tageszeitung mit 1,24 Millionen Euro. Das entspricht einer Subvention von 1,19 Euro pro Exemplar des „Quotidien“. Am Kiosk kostet die Zeitung 1,60 Euro.

Noch deutlicher ist das Missverhältnis im Fall des „Jeudi“. Die bezahlte wöchentliche Auflage lag im Schnitt bei 1.619 Ausgaben. Insgesamt erhielt die Zeitung vergangenes Jahr fast 350.000 Euro vom Staat. Pro bezahltes Exemplar erhielt die Wochenzeitung vom Staat demnach umgerechnet rund vier Euro. Am Kiosk kostet der „Jeudi“ drei Euro.

Dass die beiden französischsprachigen Publikationen auf sich gestellt nicht profitabel wären, ist indes kein Geheimnis. Auf die provokante Frage in einem Interview mit „Radio 100,7“ vor rund einer Woche, ob in diesem Sinn eine Zusammenlegung von „Quotidien“ und „Jeudi“ eine realistische Perspektive sei, antwortete Nico Clement ausweichend.

Auch auf Nachfrage von REPORTER schließt der Verwaltungsratspräsident in dieser Hinsicht „Veränderungen“ nicht aus. Die Situation sei zwar nicht vergleichbar mit der massiven Umstrukturierung bei „Saint-Paul“ vor 2013, inklusive Personalabbau und der Einstellung von zwei Titeln (« La Voix », « Point 24 »), sagt Clement. Aber: „Die Vielfalt von unseren Titeln ist eine Frage, die man sich stellen muss.“ Man könne jedenfalls „niemanden davon überzeugen“, dass die Resultate von Quotidien und Le Jeudi berauschend seien. Entscheidungen seien diesbezüglich aber noch nicht getroffen, betont Clement.

Die heikle Mission des Jean-Lou S.

Generell will Clement dem aktuell laufenden jährlichen Audit der Wirtschaftsprüfer von PwC nicht vorgreifen. Vor der Generalversammlung im Mai sei jedenfalls nicht mit Schlussfolgerungen über die zukünftige strategische Ausrichtung des Unternehmens zu rechnen. Zudem wolle man jegliche richtungsweisende Entscheidungen „im Dialog“ zwischen dem Verwaltungsrat und dem neuen Generaldirektor Jean-Lou Siweck treffen, betont Clement. Siweck soll seinen neuen Job am 1. Mai antreten.

Dem neuen operativen Chef in der Escher Kanalstraße könnte so eine Schlüsselrolle bei der Neuorientierung des Medienkonzerns zufallen. Nachdem sich eine interne Lösung zur Nachfolge von Generaldirektorin Danièle Fonck, dem Vernehmen nach, nach einer Absage des Generaldirektors von Edita SA (Essentiel), Emmanuel Fleig, erübrigt hatte, liegen nun alle Hoffnungen auf Jean-Lou Siweck. Auf Anfrage von REPORTER wollte sich dieser zum aktuellen Zeitpunkt nicht zu strategischen Fragen seines künftigen Arbeitgebers äußern.

Nico Clement betont seinerseits aber, dass die Personalie eine „neue Dynamik“ in den Redaktionen des Hauses und im ganzen Unternehmen bewirken könnte. Bewusst habe man sich für das Profil des Journalisten Siweck und nicht für einen kühlen Manager aus der Finanzwelt entschieden, so Clement weiter. „Journalismus ist kein Produkt wie jedes andere“, sagt der Verwaltungsratschef, der ebenso Mitglied im Vorstand der Gewerkschaft OGBL ist. „Wir verkaufen kein Waschmittel, sondern Zeitungen.“ Diese müssten zwar wirtschaftlich produziert werden, hätten aber eben „auch einen politischen und gesellschaftlichen Wert an sich“.

Angesichts der wirtschaftlichen Lage von Editpress dürfte Siweck aber schnell vor schmerzhaften unternehmerischen Entscheidungen stehen. Nicht ausgeschlossen ist, dass der ausgebildete Journalist und ehemalige Wirtschaftsberater von Ex-Premier Jean-Claude Juncker zum ersten Mal nicht nur als anerkannte Edelfeder, sondern auch als Sanierer verpflichtet wurde.