Abschreckung, Aufrüstung und Bündelung der Kräfte: Die NATO entwirft Pläne, wie sie im Zuge der russischen Bedrohung den europäischen Kontinent sicherer machen will. Die neue Strategie dürfte diese Woche auf einem entscheidenden Gipfeltreffen verabschiedet werden.

Als der Boxer Mike Tyson vor einem Kampf gefragt wurde, ob er sich Sorgen über den Plan eines Gegners mache, antwortete er unverblümt: „Jeder hat einen Plan, bis er eins auf die Fresse bekommt.“ Bei der NATO war es umgekehrt. 42 Jahre lang bereitete sich das Bündnis auf einen konventionellen und nuklearen Krieg mit der Sowjetunion und ihren Verbündeten vor. 1991 zerbrach der Warschauer Pakt und man ließ die Pläne ruhen. Jetzt unterstreicht der russische Einmarsch in der Ukraine die Notwendigkeit neuer Strategien.

Diese Woche treffen sich die Staats- und Regierungschefs in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, zum alljährlichen NATO-Gipfeltreffen. Es wird erwartet, dass sie die ersten umfassenden Verteidigungspläne des Bündnisses seit dem Kalten Krieg verabschieden. „Es ist die dramatischste Veränderung seit dem Fall der Berliner Mauer“, sagt Matthew Van Wagenen, ein US-General im Alliierten Hauptquartier in Europa. Die Frage ist nun, ob die Verbündeten ihrem Anspruch gerecht werden können.

In Vilnius gibt es viel zu besprechen. Die Amtszeit von Jens Stoltenberg, dem Generalsekretär der NATO, wurde gerade um ein weiteres Jahr verlängert, weil die Alliierten sich nicht auf einen Nachfolger einigen konnten. Die Ukraine möchte eine Einladung erhalten, nach dem Krieg dem Bündnis beizutreten. In der Zwischenzeit erwartet sie detaillierte und substanzielle Garantien für eine langfristige Hilfe. Ein Knackpunkt wird das bisherige Veto der Türkei gegen den Beitritt Schwedens zur NATO sein. Ein weiteres Thema bildet die Beziehung der Allianz zu Asien. Die Verbündeten sind sich einig, dass China einen immer größeren Einfluss auf die europäische Sicherheit hat – nicht zuletzt durch seine sich vertiefenden Beziehungen zu Russland. Ein Streit darüber, ob ein NATO-Büro in Tokio eröffnet werden soll, offenbart Meinungsverschiedenheiten darüber, wie man reagieren soll.

Eine Strategie der Abschreckung

Trotz alledem ist die geplante Überarbeitung des Militärapparats der NATO der wichtigste Punkt auf der Tagesordnung. Der Architekt der Verteidigungsreformen ist Chris Cavoli, ein US-General, der als Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Europa fungiert. Seinen Posten hatte früher einmal Dwight Eisenhower inne – dessen Globus noch immer im Büro von General Cavoli in der belgischen Stadt Mons steht. General Cavoli spricht Russisch und wurde in Princeton und Yale ausgebildet. Seine Pläne umfassen 4.000 (klassifizierte) Seiten.

Der Schlüssel zu den NATO-Kriegsplänen war immer, dass Moskau weiß, dass es NATO-Kriegspläne gibt. »Tim Sayle, Historiker

Das Herzstück ist ein Trio von Regionalplänen: einer für den Norden, der den Atlantik und die europäische Arktis abdeckt, einer für das Zentrum, der sich mit dem Baltikum und Mitteleuropa bis hin zu den Alpen befasst, und ein südlicher Plan für das Mittelmeer und das Schwarze Meer. Außerdem gibt es Teilpläne für den Weltraum, Cyberoperationen und Spezialeinheiten …