Als planmäßigen Erfolg verkaufen die Gesundheitsministerin und der Forschungsminister die erste Phase der großflächigen Tests. Doch die Zahlen zeigen, dass gefährdete Berufsgruppen sich selten testen ließen. Ein wichtiges Ziel der Strategie wurde damit verfehlt.

« Die Luxemburger haben es geschafft, die zweite Welle zu brechen », sagte Ulf Nehrbass als Bilanz der ersten Phase des « Large Scale Testing » (LST). Der Generaldirektor des « Luxembourg Institute of Health » (LIH) ließ keinen Zweifel daran, dass die von ihm mitgestaltete Teststrategie dabei ein wesentlicher Faktor gewesen sein soll.

Aber die mit viel Selbstlob durchsetzte Erfolgsmeldung lässt sich nicht anhand von Fakten überprüfen. Zwei Zwischenberichte und einen Abschlussbericht zum Ablauf des LST musste das LIH der Regierung laut Vertrag vorlegen. Das LIH verweigerte die Herausgabe dieser Berichte auf Anfrage von REPORTER. Ohne Einsicht in diese Dokumente lässt sich das 30-Millionen-Euro-Projekt in seiner Umsetzung nicht wirklich beurteilen.

Doch die spärlich verfügbaren Daten lassen Zweifel aufkommen, ob der Anspruch an das Projekt erfüllt wurde. Dabei war die Theorie simpel: Das Virus Sars-Cov-2 hat die Besonderheit, dass auch Infizierte ohne Symptome andere anstecken können. Deshalb kamen die Forscher auf die Idee der Massentests, die es erlauben sollten, diese asymptomatischen Fälle aufzuspüren und Infektionsketten zu brechen. Dazu müssten pro Woche zehn Prozent der Bevölkerung getestet werden, erklärte Professor Nehrbass nochmals am Montag.

Eine geringe Beteiligung

Das Problem: Diese Schwelle von 60.000 Tests pro Woche wurde lediglich in zwei Wochen Ende Juli überschritten. Der Grund war eindeutig und hatte nichts mit Strategie zu tun: Am 14. Juli stufte Deutschland Luxemburg als Risikogebiet ein. Reisewillige kramten ihre Einladung für das „Large Scale Testing“ hervor, um an einen Test zu kommen. Am 16. und 17. Juli war der Peak mit 15.500 und 16.000 Tests pro Tag, erklärte Paul Wilmes, Sprecher der Covid-Taskforce von Research Luxembourg.

In ihren Modellrechnungen gingen die Forscher von einer Beteiligungsrate von 40 Prozent aus. Tatsächlich führten knapp 37 Prozent der Einladungen zu einem Test. Nur unter den Einwohnern Luxemburgs – also ohne Grenzgänger – lag die Teilnahmequote bei knapp 50 Prozent.

Mangelnde Transparenz

Auf Transparenz wurde beim LST kein Wert gelegt. Eine parlamentarische Anfrage des CSV-Abgeordneten Claude Wiseler zu den Kosten und den Verfahren des LST beantworteten die Gesundheitsministerin und der Forschungsminister nicht fristgerecht. Das LIH verweigerte in einem Fall unter dem Transparenzgesetz zu Unrecht die Herausgabe von Dokumenten, urteilte die « Commission d’accès aux documents ». Auswertbare Zahlen fehlen ebenfalls.

Ulf Nehrbass betonte, dass bei Massentests im Ausland die Beteiligung deutlich geringer ausfiel. Bei Tests in der « Ile de France », dem Ballungsraum um die Hauptstadt Paris, sei die Beteiligung lediglich 2,5 Prozent gewesen, in Hong Kong nur 8 Prozent. Auch in Bayern habe es erhebliche Probleme gegeben, so der LIH-Generaldirektor.

Allerdings sind die genannten Beispiele nur bedingt vergleichbar. In Frankreich war das vordergründige Problem eine Überlastung der Labore. Und der LIH-Generaldirektor erwähnte nicht, dass in Bayern unter anderem Ecolog Probleme verursachte – der gleiche Dienstleister, dem er den Betrieb der Luxemburger Teststationen anvertraute.

Wenig Tests bei gefährdeten Berufsgruppen

Bei einem weiteren wesentlichen Punkt war der Erfolg der Teststrategie bescheiden. In unterschiedlichen Berufen ist der Kontakt mit Drittpersonen mehr oder weniger häufig. Die besten Beispiele sind Polizisten und das Personal in Restaurants oder Cafés. Sie treffen jeden Tag viele Personen und kommen ihnen teils sehr nahe.

Sie sind also notgedrungen einem größeren Risiko ausgesetzt, sich mit dem Virus anzustecken und andere zu infizieren. „Gerade in diesen Branchen ist es wichtig, Superspreader früh zu entdecken und zu isolieren“, erklärte Paul Wilmes. Deshalb erhielten gefährdete Berufsgruppen alle zwei Wochen eine Einladung zum Testen. So weit die Theorie.

Zahl der Tests (orange) und der Einladungen (blau) pro Branche (Grafik: Research Luxembourg)

In der Praxis ließen sich Polizisten beim Large Scale Testing im Schnitt 1,5 Mal testen – bei vier Einladungen pro Beamter. Mitarbeiter des Hotel- und Gaststättengewerbes ließen sich durchschnittlich etwa ein Mal zwischen Juni und September testen – bei über sechs Einladungen. Das Personal des Gesundheits- und Sozialsektors folgte etwa zwei von acht Einladungen. Und nur knapp ein Drittel der Lehrkräfte ließ sich vor der „Rentrée“ testen.

Das Resultat der gezielten Testkampagne in der Baubranche und im Reinigungssektor ist auch nicht überwältigend. Nur ein Fünftel der 33.600 eingeladenen Mitarbeiter ließ sich auch tatsächlich testen, zeigen die Zahlen des Gesundheitsministeriums. Allerdings waren nur neun Tests positiv.

Mangelhafte Kommunikation

Die Mitarbeiter dieser Branche bekamen wie alle anderen die Einladungen nach Hause geschickt. Es fehlte aber offenbar an der nötigen Kommunikation zwischen dem LIH, der „Santé“ und den betroffenen Branchen.

Die niedrige Beteiligung im Hotel- und Gaststättengewerbe könne er nicht bewerten, weil er keine genauen Zahlen von der „Santé“ erhalten habe, sagt der Generalsekretär des Horesca-Verbands François Koepp auf Nachfrage von REPORTER. Auch habe die Gesundheitsbehörde den Verband nicht gebeten, seine Mitglieder nochmals auf die Wichtigkeit der Tests aufmerksam zu machen. Nur die noch weit verbreite Kurzarbeit in der Branche könnte eine Erklärung für die geringe Beteiligung sein, meint François Koepp.

Zwischen dem LIH und der Personalverwaltung der Polizei gab es zwar einen Austausch zu den Massentests. Aber auch die Polizei verfügt nicht über genaue Zahlen, wie viele Beamte sich wie oft testen ließen, heißt es auf Nachfrage von REPORTER. „Wir haben unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wärmstens empfohlen, von der Gelegenheit des Large Scale Testing zu profitieren. Diese Möglichkeit ist auf viel positives Feedback gestoßen“, so die Stellungnahme der Polizei.

Unterschiedliche Verbreitung des Virus

Bei den rund 2.000 Beamten der Luxemburger Polizei blieb der Schaden begrenzt. 20 Beamte waren positiv, heißt es auf Nachfrage. Ersten Einschätzungen zufolge hätten sich die Polizisten aber „nur“ in drei Fällen bei ihrer Arbeit infiziert. Auch die Forscher sagen heute, dass sie das Risiko der Polizisten überschätzt hätten.

In der Hotel- und Gaststättenbranche sieht es dagegen anders aus. Statistisch gab es hier 1.300 Fälle pro 100.000 Menschen, wie die Zahlen von „Research Luxembourg“ zeigen. Damit war der Sektor am zweitstärksten vom Virus betroffen. Die höchste Infektionsrate verzeichnete die Branche der Unternehmensdienstleister (« Activités de services administratifs et de soutien »). Dieser Sektor umfasst unter anderem Sicherheits-, Zeitarbeits- und Reinigungsfirmen.

Die Krux mit der Freiwilligkeit

„Die Regierung beschloss zu Beginn, dass die Massentests freiwillig sind“, betonte Bildungs- und Forschungsminister Claude Meisch (DP) Anfang der Woche. Genau wie private Unternehmen könne der Staat seine Mitarbeiter nicht zu einem Test zwingen. Die Lehrkräfte seien zwei Mal angeschrieben worden und es sei ihnen erklärt worden, dass sie mit einer Teilnahme ihre Schüler, ihr Umfeld und sich selbst schützen würden. Trotzdem lag die Teilnahmequote nur bei einem Drittel.

Warum diese Botschaft nicht zu allen durchdrang, konnten weder der Bildungsminister und Chef der größten Beamtengruppe noch die Forscher schlüssig erklären. Was hielt Tausende von der Testteilnahme ab? Waren es teils lange Wartezeiten, eine schlechte geografische Verteilung der Teststationen, die für manche als kompliziert empfundene Terminvergabe oder fehlende Kommunikation? Oder die Angst, als prekär Beschäftigter oder Selbstständiger in Quarantäne geschickt zu werden?

Auf alle diese wesentlichen Fragen gab die einseitig positive Selbstdarstellung der Regierung und des LIH keine Antwort. Für den Erfolg der zweiten Phase des « Large Scale Testing » und die Eingrenzung einer möglichen dritten Welle bräuchte es allerdings eine ehrliche Bewertung.


Lesen Sie mehr zum Thema