Wie kann man sich fast 20 Jahre lang unbemerkt aus der Gemeindekasse bedienen? Das Urteil zur Betrugsaffäre in Hesperingen liefert neue und teils verblüffende Antworten. Dazu gehört auch: Am Ende könnte die Gemeinde aus der Affäre sogar Profit schlagen.

Die Zahlen sind durchaus beeindruckend. Insgesamt 166 Scheinrechnungen konnte die Kriminalpolizei ausfindig machen. Allein diese bescherten zwei Gemeindebeamten Einnahmen in Höhe von exakt 3.871.077,26 Euro. Hinzu kamen weitere Transaktionen über Scheinfirmen und umgeleitete Zahlungen, die den Gesamtbetrag der mutmaßlichen Veruntreuung laut den Ermittlern auf über fünf Millionen ansteigen ließen.

Auf den Cent genau rechnete die Polizei nach, wie viel Geld durch den systematischen Betrug aus den Kassen der Gemeinde Hesperingen abfloss. Oder zumindest versuchte sie es. Die Ermittlungen begrenzten sich nämlich auf die Vorfälle von Mitte 2000 bis Anfang 2019. Laut den Aussagen des Hauptangeklagten Claude G. habe der Betrug aber schon vor dieser Zeit begonnen. Aufgefallen ist die Masche allerdings erst Jahrzehnte später.

Claude G. sowie sein Komplize Jean-Paul F. wurden im vergangenen Jahr zu Gefängnisstrafen verurteilt. Ein Berufungsgericht bestätigte die Strafen am 13. März dieses Jahres. Das Urteil in zweiter Instanz, das Reporter.lu vorliegt, beschreibt im Detail, wie die Beschuldigten bei ihrer Millionen-Betrugsmasche vorgingen. Und es enthält am Schluss eine unerwartete Wendung. Denn der Gemeinde Hesperingen soll als Nebenklägerin ein Schadensersatz zustehen, der weit über den vom Gericht ermittelten Schaden hinausgeht.

Umtriebige Scheinfirmen

Aber der Reihe nach. Um unbemerkt Gelder abzuschöpfen, nutzte Claude G. zwei Scheinfirmen. Demnach flossen über die Konten von „SI-COH“ rund 1,8 Millionen Euro und über „AE.ARLUX“ rund zwei Millionen Euro. Als Inspiration für Erstere galt das „Syndicat d’Initiative et du Tourisme de la Commune de Hesperange“. Der Name des zweiten „Unternehmens“ leitete sich vom Luxemburger Ableger der „Académie Européenne des Arts“ ab.

Über Jahre stiegen beide Scheinfirmen zu den größten Dienstleistern der Gemeinde auf. Dabei hatten sie nur wenig mit ihren Inspirationsquellen gemein. Wie das Urteil nun bestätigt, sollten lediglich 216.000 Euro an das Tourismussyndikat, das den Hesperinger Campingplatz betreibt, und 15.600 Euro an den Kunstverein fließen. Im Vergleich zum Gesamtvolumen des Betrugs sind dies erstaunlich geringe Beträge.

Claude G. gelang es (…), 19 Jahre lang alle Erträge aus den zurückgehaltenen Straftaten in die legale Wirtschaft zu bringen, ohne dass dies seinem Umfeld oder den Banken (…) auffiel.“Urteil vom 13. März 2024

Offenbar war diese Bezeichnung der Firmen vor allem zur Täuschung der Banken nützlich. Claude G. war selbst Kassenwart beider Vereine und nutzte ihre inaktiven Konten für seine eigenen Zwecke. Aus dem 125-seitigen Urteil geht hervor, dass er zuerst das Gemeindebudget überprüfte, um zu wissen, wie hoch die Rechnung ausfallen könnte, bevor der entsprechende Budgetposten aufgebraucht wäre. Anschließend fertigte er auf seinem Computer in der Gemeinde die falschen Rechnungen an und orientierte sich dabei an anderen, regulären Rechnungen …