Es ist Krieg in Europa. Am selben Tag, als diese Nachricht die Schlagzeilen bestimmt, findet in Luxemburg die fünfte Ausgabe der « Govsatcom » statt. Eines wird beim Besuch der Rüstungsmesse klar: Verteidigung und Wirtschaft sind untrennbar miteinander verbunden.  

Nicht ohne ein gewisses Misstrauen erklärt Paul Page Reporter.lu die jüngste Innovation seiner Firma – der Umgang mit Journalisten ist für den Verkaufsleiter von « Honeywell Aerospace » sichtlich ungewohnt. Der Brite zeigt auf eine kleine, orangene Metallbox auf dem Tisch: « Das ist ein satellitengestütztes Kommunikationsmodul. Das Bahnbrechende: Es wiegt weniger als ein Kilo. Das ist ein echter Gamechanger in der Drohnentechnologie. Die meisten Module wiegen deutlich mehr. »

Doch das wirkliche Highlight präsentiert der US-Konzern erst am Folgetag. « Wir haben unser Demonstrationsflugzeug, eine umgebaute Passagiermaschine, mit nach Luxemburg gebracht. Es ist vollgepackt mit unserer Sensorik. Morgen simulieren wir bei einem Flug eine Operation bei einem Kriegseinsatz, auf dem Schlachtfeld sozusagen. Es geht dabei darum, die Signalstabilität unserer Satellitenempfänger zu demonstrieren », erklärt der Verkaufsleiter. Das Interesse an dem Flug sei enorm, so Paul Page – bereits jetzt, morgens um 10.30 Uhr, sei man « fully booked ».

Der Mantel der Geschichte, er weht an diesem 24. Februar 2022 bis in das « European Convention Center » in Luxemburg-Kirchberg. Denn während Europa Zeuge des ersten Angriffskrieges seit mindestens einer Generation wird, findet dort die fünfte Edition der « Govsatcom » statt, einer Rüstungsexpo mit mehr als 500 Teilnehmern, 25 Sponsoren und zahlreichen Ausstellern. Unterstützt wird die Veranstaltung von Größen der europäischen und amerikanischen Rüstungsindustrie. Neben dem Luxemburger Satellitenbetreiber SES treten Lockheed Martin, Leonardo DRS, Thales und Airbus als Sponsoren auf. Das Luxemburger Verteidigungsministerium versteht sich als Partner der Veranstaltung.

Rund 25 Firmen treten als Sponsoren der Veranstaltung auf. In der Eingangshalle preisen sie ihre Dienste auf großen Werbeplakaten an. (Foto: Mike Zenari)

Konkret geht es bei der Messe um alles, was mit staatlicher und militärischer Satelliten-Kommunikation zu tun hat. In der Praxis reicht das Anwendungsgebiet dabei von Luftaufklärung, über verschlüsselte Kommunikation bis hin zu satellitengestützter Drohnensteuerung. Auf der Tagesordnung stehen dabei rund 30 Vorträge zu den unterschiedlichen Aspekten der militärischen Satellitenkommunikation. Das Setting erinnert derweil an eine Mischung zwischen Fachtagung und Videospielemesse. Die Teilnehmer, fast ausnahmslos Männer, tragen entweder Anzug oder Uniform. An den Ständen der Sponsorenfirmen laufen aufwendig produzierte Werbefilme für Funkgeräte und Radarsysteme.

« Weltraum ist von strategischer Bedeutung »

Die Liste der Redner liest sich dabei wie ein Who-is-who der Verteidigungsindustrie. Angekündigt sind unter anderem der CEO von SES, Steve Collar, der Leiter von « Lockheed Space Europe », Nik Smith, sowie Patrick Biewer, CEO von « GovSat1 », dem gemeinsamen Militärsatelliten-Projekt des Luxemburger Staats und SES. Auch ein Vortrag von Major General Philip Stewart, dem stellvertretenden Stabschef der « Supreme Headquarters Allied Powers Europe » (SHAPE) der NATO, steht auf dem Programm. Dieser muss seinen Auftritt aber aus offensichtlichen Gründen absagen.

Eröffnet wird die fünfte Govsatcom gegen 9 Uhr von Verteidigungsminister François Bausch (Déi Gréng). In seiner Rede unterstreicht der Minister die besondere Bedeutung des Tages: « Heute ist ein dunkler Tag für Europa. Luxemburg verurteilt diesen Angriff auf ein friedliches Land ausdrücklich. Russland wird dafür zur Rechenschaft gezogen werden. »

Wenige Tage vor der Ankündigung, dass Luxemburg die Ukraine mit Militärlieferungen aktiv unterstützen wird, sieht François Bausch die Rolle Luxemburgs bei der Verteidigung eher im Weltraum als auf dem Boden: « Der Weltraum hält unbegrenztes Entwicklungspotenzial für Luxemburg bereit, sowohl in der zivilen wie in der militärischen Nutzung. Für Luxemburg ist dieses Potenzial von strategischer Bedeutung. » Eine Intention, die das Verteidigungsministerium am darauf folgenden Montag mit der Vorstellung der nationalen « Space Defence Strategy » untermauern wird. Diese Strategie legt unter anderem die Nutzung von Satellitenkapazitäten von Bündnispartnern als eines ihrer Ziele fest.

Kräftemessen im Orbit

Wie schnell das Weltgeschehen die Nutzung dieser Kapazitäten bereits heute beeinflusst, erklärt kurz nach dem Auftritt von François Bausch der Geschäftsführer von GovSat1, Patrick Biewer. Der Militärsatellit stellte seit seiner Inbetriebnahme im Jahr 2018 sichere Satellitenkommunikation für zehn NATO-Länder bereit. Der Luxemburger Staat beteiligte sich mit 50 Millionen Euro an dem Gemeinschaftsprojekt mit der SES. Zum Einsatz kamen diese Kapazitäten beispielsweise im Rahmen der UN-Mission MINUSMA in Mali. Der Satellit deckt dabei ein Drittel des Planeten ab. « Schon heute bemerken wir, dass wir eine erhöhte Nachfrage auf der NATO-Ostflanke wahrnehmen. Wir haben uns deshalb dazu entschieden, einen weiteren Satellitenstrahl auf Osteuropa auszurichten, um bei Bedarf mehr Kapazitäten zur Verfügung zu stellen », erklärt Patrick Biewer die Reaktion von Govsat1 auf die veränderte globale Sicherheitslage.

Im Konferenzsaal des « European Convention Center » geht es vor allem um eine Frage: Wie kann man den Weltraum strategisch nutzen? (Foto: Mike Zenari)

Fast alle Redner an diesem Tag betonen die strategische Bedeutung des Weltraums für die Sicherheitspolitik. Ein Schlagwort, das dabei fast immer fällt: resilient. Also widerstandsfähig. Denn das geopolitische Kräftemessen ist längst im Orbit angekommen. Und die Fragen, die sich dabei stellen, sind konkreter als erwartet. Die Antworten ebenfalls. Wie etwa mit Weltraumschrott umgehen? Schwierig. Welche Möglichkeiten hat der Gegner, um Satelliten anzugreifen? Viele. Können Weltraumwerkzeuge, wie etwa Roboterarme, neben ihrer regulären Nutzung auch als Waffe gegen Satelliten in der Umlaufbahn genutzt werden? Definitiv. Wie ist der russische Abschuss ihres eigenen Satelliten im November 2021 vor dem Hintergrund des Angriffskriegs in der Ukraine zu verstehen? Als Drohung? Auf jeden Fall. Und wie wichtig ist die gemeinsame zivile und militärische Nutzung? Essenziell.

Zwischen den Diskussionen über die vermeintlichen Vor- und Nachteile verschiedener Umlaufbahnen, der Wichtigkeit von Redundanz in Drohnensystemen und den unterschiedlichen Anwendungen von Frequenzbändern gibt es auf der Konferenz jedoch auch Momente, die für einen Außenstehenden einen komischen bis absurden Effekt haben. Etwa als die Ingenieurin und Verantwortliche für die Beschaffung von Aufklärungsdrohnen der EU, Laryssa Patten, einen Vortrag über die Vorteile von Diversität bei der Drohnenbeschaffung hält. Oder als der Direktor für das Regierungsgeschäft von « Honeywell Aerospace », Wesley Cook, die Grundpfeiler moderner Kriegführung auf typisch amerikanische Art herunterbricht: « You need to be able to move, you need to be able to shoot and you need to be able to communicate. »

Verteidigung als Geschäftsmodell

Vor allem wird an diesem Tag aber deutlich, wie eng verwoben Sicherheitspolitik und Privatwirtschaft heute schon sind. Bereits in der Vergangenheit hatte Reporter.lu berichtet, welche Schlüsselrolle der Satellitenbetreiber SES, an dem der Luxemburger Staat Anteile hält, in der Rüstungswirtschaft einnimmt. So steuert etwa der SES-Ableger « SES Government Solutions » mit Sitz in den USA Kapazitäten für das Drohnenprogramm der Vereinigten Staaten bei. CEO des Ablegers ist der ehemalige Brigade-General der US-Airforce, Peter Hoene.

Den Eindruck einer engen Verflechtung zwischen den kommerziellen Interessen seiner Firma und dem Militär bekräftigt an diesem Tag der SES-Vorstandsvorsitzende Steve Collar. So zeigt sich der Vorstandschef beispielsweise bestürzt darüber, dass der zivilen Nutzung in einigen Bereichen höhere Satellitenkapazitäten zur Verfügung stehen als der militärischen: « Derzeit haben Kreuzfahrtschiffe in der Karibik eine schnellere Internetverbindung über Satellit als Militärschiffe. Das ist Wahnsinn. »

Airbus präsentierte auf der Messe unter anderem seinen satellitengestützten Digitalfunk, samt aufwendig produzierten Werbefilmen. (Foto: Mike Zenari)

Veränderung verspreche die neue Satelliten-Konstellation « O3b mPower », die Übertragungsraten von bis zu zehn Gigabit pro Sekunde ermögliche, so Steve Collar, und die zudem über die für Militärkunden benötigte Sicherheit verfüge. Insbesondere vor dem Hintergrund von möglichen Angriffen auf das Glasfasernetz stelle « O3b mPower » eine sichere Alternative dar und sei sicherheitspolitisch relevant. Auch die möglichen Folgen des Angriffs auf die Ukraine für den Westen hat Steve Collar dabei bereits im Blick: « Das ist voraussichtlich das erste Mal, dass wir konzertierte Angriffe auf Regierungsnetzwerke sehen werden. Wir werden in den kommenden Wochen eine Menge lernen. »

Mögliche Folgen eines Wettrüstens

Dass die Vorherrschaft bei der Kommunikations- und Satellitentechnologie dabei mit unbequemen Fragen für westliche Demokratien einhergeht, unterstreicht der Verantwortliche für den europäischen Markt von « Lockheed Martin Space », Nik Smith, bei einer Paneldiskussion. Neben einem eigenen Satellitenprogramm, dem Navigationssystem GPS, zeichnet der US-Konzern ebenfalls teilweise für das Nuklearprogramm der USA und der Briten verantwortlich. So hat der Konzern beispielsweise die U-Boot-gestützte ballistische Rakete « Trident II » entwickelt, einen essenziellen Baustein der nuklearen Triade der US-Armee.

Auf das Wettrennen mit China in der Rüstung angesprochen, betont Nik Smith, dass sich dabei auch ethische Fragen für den Westen stellen: « China zögert nicht, massiv auf die Daten seiner Bürger zurückzugreifen, um damit einen strategischen Vorteil zu bekommen. Das stellt westliche, liberale Demokratien natürlich vor ein Problem: Sind die Bürger hier bereit, auf persönlichen Datenschutz zu verzichten, um im Wettstreit mit China eine Chance zu haben. Um es zu ermöglichen, dass wird uns mit den gleichen Systemen verteidigen? »

Eine Frage, die sich eine Woche nach der Messe mit noch mehr Dringlichkeit stellt. Die Ankündigung Deutschlands, Waffen an die Ukraine zu liefern und seine Verteidigungsausgaben in den kommenden Jahren um 100 Milliarden Euro zu erhöhen, stellt ein Umdenken in der Rüstungspolitik dar, das so auch in anderen Ländern stattfinden könnte. Für Europa und den Rest der Welt geht es dabei um nichts weniger als die Frage: Wie weit sind demokratische Staaten bereit zu gehen, wenn es um die Sicherheit geht?


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