Die Bevölkerungszahlen steigen und damit die Notwendigkeit, die psychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen auszubauen. Einige neue Klinikprojekte zeichnen sich ab, doch noch immer suchen Heranwachsende Hilfe in spezialisierten Einrichtungen im Ausland.

Wer dieser Tage mit Dr. Christopher Goepel spricht, bekommt unweigerlich den Baulärm im Hintergrund seines Arbeitsplatzes mit. Im nächsten, spätestens im übernächsten Jahr wird der Jugendpsychiater am „Hôpital Kirchberg“ mehr junge Patienten mit akuten psychischen oder Drogenproblemen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren aufnehmen können. „Wir haben 2003 mit 15 Betten angefangen“, erzählt Dr. Goepel. Aufgrund des steigenden Bedarfs kamen 2012 provisorisch acht weitere Betten hinzu. Doch sie sollten nicht ausreichen.

Dank des Gebäudeausbaus werden künftig 30 Betten, aufgeteilt auf zwei Stationen, zur Verfügung stehen. Sie sind dringend notwendig, um den Bedarf zu decken. „Unsere Krankenpfleger sind derzeit regelmäßig überfordert, wenn die Station überbelegt ist“, sagt Dr. Jean-Marc Cloos, medizinischer Direktor der Psychiatrie bei den „Hôpitaux Robert Schuman“ (HRS), zu denen die Klinik auf dem Kirchberg gehört. Und dies ist oft der Fall: Laut einem internen Bericht überschreitet die Belegung unter der Woche permanent die 100-Prozent-Marke.

Bereits zwischen 2013 und 2016 stieg die Zahl der einzelnen Krankenhausaufenthalte von Patienten von 264 auf 438. Die Aufenthaltsdauer sank im gleichen Zeitraum von 31 auf 19 Tage. Jugendliche würden verfrüht entlassen, weil die Psychiater gezwungen seien, Betten frei zu machen für neue Notfallpatienten, heißt es in dem Bericht. Doch woran liegt es, dass die Jugendpsychiatrie in Platznöten ist? Dr. Cloos nennt insbesondere die stark steigenden Bevölkerungszahlen als ausschlaggebend.

Auch Plätze in der Tagesklinik fehlen

Es ist nicht das einzige Projekt, das er aktuell vorantreibt. Im Zuge des Ausbaus der Jugendpsychiatrie wird die Tagesklinik, die derzeit in Esch-sur-Alzette angesiedelt ist, 2021 auf den Kirchberg ziehen und künftig 20 statt 12 Plätze bieten. Derzeit kann sie ebenfalls nicht alle Anfragen befriedigen. Dabei ist sie eine wichtige Anlaufstelle für Jugendliche, weil die Hilfe dort eine stationäre Einweisung verhindern kann bzw. nach einer Entlassung die Behandlung fortgeführt wird.

Esch-sur-Alzette wird die Tagesklinik genommen, im Norden des Landes mangelt es seit jeher an einer solchen ambulanten Einrichtung. Daher würden die „Hôpitaux Robert Schuman“ gerne im Süden und Norden jeweils eine Tagesklinik mit 15 Plätzen einrichten. Mit ihren Plänen sind sie nicht allein. Auch das „Centre Hospitalier Neuro-Psychiatrique“ (CHNP) in Ettelbrück setzt sich beim Gesundheitsministerium aktuell für die Einrichtung einer Tagesklinik im Ösling unter seiner Federführung ein.

Es kann aktuell vorkommen, dass jemand zwei bis drei Monate warten muss, bis er bei uns in Ettelbrück aufgenommen wird. Diese lange Zeitspanne ist nicht mehr vertretbar. »Dr. Thomas Karst, Leiter des « Centre Hospitalier Neuro-Psychiatrique »

Neu wären die Ettelbrücker auf dem Gebiet der Jugendpsychiatrie nicht. In ihrem Haus besteht bereits eine geschlossene Station mit zwölf Plätzen. Im Gegensatz zum Krankenhaus auf dem Kirchberg geht es hier nicht um die Akutversorgung, sondern eine längerfristige medizinisch-therapeutische Behandlung. Im Durchschnitt blieben die Patienten vier Monate, erzählt der ärztliche Leiter Dr. Thomas Karst.

Die meisten Jugendlichen kämen auf Anordnung des Gerichts und stellten aufgrund ihrer psychischen Probleme entweder für sich selbst oder andere eine Gefahr dar, etwa durch gewalttätiges Verhalten oder Suizidgedanken. „Es kann aktuell vorkommen, dass jemand zwei bis drei Monate warten muss, bis er bei uns in Ettelbrück aufgenommen wird. Diese lange Zeitspanne ist nicht mehr vertretbar“, sagt Dr. Karst. Schließlich müsse für die Jugendlichen in dieser Zeit eine Zwischenlösung her.

Neues Therapiezentrum in Pütscheid

Für etwas Entlastung könnte ab Frühjahr 2020 eine neue Klinikeinrichtung sorgen, die das CHNP in Pütscheid realisiert. Sie soll eine Lücke in der Versorgung in Luxemburg schließen, die derzeit Einrichtungen im Ausland füllen. In dem kleinen Dorf bei Vianden wird ein früherer Bauernhof zum therapeutischen Zentrum für 20 junge Menschen ausgebaut. „Gedacht ist es für Jugendliche mit der gleichen Indikation wie in der Jugendpsychiatrie in Ettelbrück, die aber offene Bedingungen bereits vertragen“, erklärt Dr. Karst. Eine interne Schule soll zum Angebot gehören.

Doch nicht nur Teenager benötigen in Luxemburg eine psychiatrische Versorgung. Für Patienten bis 12 Jahre ist die Kinderpsychiatrie des CHL die zentrale Anlaufstelle. Eine Beratungsstelle, eine Tagesklinik, eine spezielle Abteilung für Kleinkinder sowie eine stationäre Einheit mit acht Betten stehen zur Verfügung. Rund 550 Kinder finden pro Jahr hier Unterstützung, etwa wegen Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsrückständen, Depression oder Autismus. In der Regel würden sechs Wochen Aufenthalt genügen, um die akuten Probleme in den Griff zu bekommen, erklärt der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Claude Pignoloni.

Wir bräuchten mehr Plätze in der Tagesklinik, auch in den Regionen. Es fehlen Zentren im Norden und Süden. »Dr. Claude Pignoloni, Kinder- und Jugendpsychiater

Das Angebot an stationären Betten hält er für ausreichend: „Wenn ich 15 Betten hätte, würde ich sie auch belegt bekommen. Es ist eher die Frage, wann eine Aufnahme in die Klinik notwendig ist und wann nicht, das heißt wie grob oder fein ich den Filter bei den Indikationen setze. Wenn man die Herangehensweise hat, dass eine Einweisung die letzte Lösung ist, genügen acht Betten.“ Schließlich sei eine geschlossene Klinikpsychiatrie „außerhalb der Gesellschaft“ nicht dafür gedacht, um dauerhaft zu bleiben.

Jedoch reichten die fünf Plätze in der Tagesklinik bei Weitem nicht aus. „Wir bräuchten mehr Plätze, auch in den Regionen. Es fehlen Zentren im Norden und Süden.“ Auch an einer Kinderpsychiatrie mit offeneren Strukturen, in der junge Patienten mit schweren Pathologien für einen längerfristigen Aufenthalt aufgenommen werden können, mangelt es seiner Ansicht nach in Luxemburg. Als Beispiel aus dem nahen Ausland nennt er „La petite Maison“ im wallonischen Chastre, eine Klinik für 60 Kinder und Jugendliche, die beispielsweise an Persönlichkeits- oder Bindungsstörungen leiden.

Werbeversprechen fruchten bei Familien in Not

Es ist keine Seltenheit, dass Heranwachsende für mehrere Monate oder gar Jahre im Ausland in solch spezialisierten Einrichtungen oder in Einzelmaßnahmen betreut werden (Lesen Sie dazu auch unseren Artikel : Schwierige Kinder und Jugendliche: Hoffen auf das Ausland). In vielen Fällen handelt es sich um Jugendliche, die aufgrund ihrer Verhaltensauffälligkeiten einen besonderen Rahmen benötigen. Nicht immer ist für die Unterbringung außerhalb Luxemburgs ausschlaggebend, dass hierzulande kein passender Therapieplatz zur Verfügung steht. Für manche Eltern scheint mit einem Auslandsaufenthalt die Hoffnung verbunden zu sein, dass in der Ferne die Probleme geringer werden könnten.

„Das ist eine romantische Vorstellung“, meint hingegen Dr. Christopher Goepel. Er berichtet von Eltern, die mit Werbeprospekten ausländischer Träger bei ihm erscheinen. Die Möglichkeiten im Ausland würden häufig überschätzt. Nicht die Distanz dürfe ausschlaggebend sein, sondern ein besonderes therapeutisches Angebot, das so in Luxemburg nicht existiert. Als Beispiel nennt er die individual-pädagogischen Maßnahmen, die sich an Jugendliche richten, die eine Eins-zu-Eins-Betreuung benötigen und daher von speziellen Pflegepersonen aufgenommen werden.

Wann ist der beste Zeitpunkt zur Rückkehr?

Als besondere Herausforderung sieht er die Reintegration nach dem Auslandsaufenthalt. Hier fehle es etwa an allgemein verbindlichen Kriterien für den besten Zeitpunkt der Rückkehr. Auch für Nico Schmalen, Heilpädagoge am „Office national de l’enfance“, das die Auslandsaufenthalte koordiniert, ist die Rückkehr oftmals ein kritischer Punkt, weil ungewiss erscheint, inwieweit es dem Jugendlichen gelingen wird, sich „mit dem Erreichten in das luxemburgische System einzupassen“, sei es schulisch, beruflich oder im familiären Umfeld.

Das „Ombuds-Komitee für die Rechte des Kindes“ schrieb bereits in einem Bericht von November 2016, dass angesichts der Zahlen an Auslandsplatzierungen es an der Zeit sei zu reflektieren, welche Betreuungsformen in Luxemburg geschaffen oder welche bestehenden Angebote ausgebaut werden sollten. Zugleich mahnte es in seinem Jahresbericht von Ende 2018 an, dass Handlungsempfehlungen, die Akteure aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie bereits 2010 ausgearbeitet hatten, nicht in einem Aktionsplan aufgingen. Möglicherweise wird die Regierung dies nun nachholen. Im Koalitionsprogramm ist die Ausarbeitung eines „plan national de santé mentale“ vorgesehen.