315.000 Seiten an vertraulichen Dokumenten – ausgewertet von 63 Journalisten aus 30 Ländern. Das ist „Grand Theft Europe“, eine europäische Recherche zum größten Steuerraub, dem « Karussellbetrug ». Ein Blick hinter die Kulissen.

« Man muss an den losen Fäden ziehen und schauen, was dabei herauskommt », erklärte einer der Journalisten, der seit Langem über « Karussellbetrug » recherchiert. Es ist eine klassische investigative Recherche – nur noch eine Spur komplizierter. Denn die Netzwerke, die mit dieser Masche die Staaten ausrauben, machen alles, um nicht aufzufallen. Sie nutzen Strohmänner, falsche Identitäten und unzählige Briefkastenfirmen. Jede noch so winzige Spur muss erforscht werden, denn sie stellt sich manchmal als Goldgrube heraus – öfter aber als Zeitverschwendung.

Journalisten, die in Handelsregister und diversen anderen Listen und Dokumenten wühlen, sich auf die Suche nach Briefkästen begeben und freudig den Kollegen vom neuesten Fund berichten: So in etwa lässt sich die von CORRECTIV koordinierte Recherche der letzten Monate zusammenfassen. Kommuniziert wurde über verschlüsselte Kanäle. Für die Mehrheit handelte es sich um eine neue Erfahrung.

Gute Laune und Croissants: Was will man mehr? (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

Mehrmals trafen sich die beteiligten Journalisten und tauschten die Ergebnisse über bestimmte Personen oder Branchen aus. Das artete dann doch manchmal aus und die Projektleiter Marta Orosz und Christian Salewski mussten die Herde wieder zusammenbringen.

Zwischen trocken und lustig

Es half, dass die Recherchen Karussellbetrug zwei Gesichter hat: extrem trocken und mitunter ausgesprochen lustig. Trocken, wenn es um obskure Mehrwertsteuerregeln. Lustig, wenn es um exuberante Persönlichkeiten wie « Batman » geht, der mit seinen Bugattis, Ferraris und Rolls-Royce prahlt. Oder wenn es um slowakische Betrüger geht, die ihr Karussell mit Überraschungseiern drehten. Auch nicht schlecht: In Tschechien kaufte die Steuerbehörde (unwissentlich) Handys von Steuerbetrügern – sie hatten nunmal den besten Preis, denn sie nahmen sich den Gewinn anderweitig aus der Staatskasse.

Der Karussellbetrug ist ein Skandal, der immer weiter geht. Für Journalisten ist das ein schwieriges Thema: Die Experten sagen, das sei doch längst alles bekannt. Viele Bürger haben dagegen noch nie davon gehört. Doch die großartigen Beiträge der Kollegen zeigen, dass es eine wichtige Recherche ist. Unsere Leser und wir selbst wissen heute deutlich mehr über die Betrüger als noch vor wenigen Wochen. Und das Wichtigste fasste die ungarische Kollegin Blanka Zöldi zusammen: « Das Verbrechen kennt keine Grenzen, Journalisten auch nicht! »

63 Reporter, 35 Redaktionen, 30 Länder: Die Teilnehmer der Kooperation. (Screenshot: Correctiv.org)

 

Das Projekt Grand Theft Europe

Für das Rechercheprojekt ​Grand Theft Europe​ hat sich REPORTER mit 35 vom Recherchezentrum CORRECTIV koordinierten Medienpartnern aus ganz Europa vernetzt. Gemeinsam hat das Netzwerk Umsatzsteuerkarusselle durchleuchtet, den größten laufenden Steuerbetrug in der EU. Die Recherche hat zu zahlreichen Artikeln, einem Podcast und mehreren TV-Dokumentationen geführt. Beteiligt waren unter anderem ZDF und CORRECTIV aus Deutschland, „Libération“ aus Frankreich, „De Tijd“ aus Belgien und „Republik“ aus der Schweiz.

Die Stories bei REPORTER:

Steuerbetrug in Milliardenhöhe: Grand Theft Europe

Luxemburgs Rolle im großen Steuerraub: Kriminelle Energie

Es begann in Beckerich: Die Karriere eines Steuerbetrügers

Unser Dossier mit allen Artikeln

Mehr zum Projekt: 

www.grand-theft-europe.com