Spanien ist nach Italien das europäische Land, das am heftigsten von der Coronavirus-Pandemie betroffen ist. Der Ausnahmezustand mit strikter Ausgangssperre soll mindestens bis zum 11. April anhalten. Neben Covid-19 machen sich aber vor allem Sorgen vor einer verschärften Wirtschaftskrise breit.

Ein Großteil des Lebens spielt sich in Spanien im öffentlichen Raum ab. Doch seit Sonntag, dem 15. März, ist alles anders. Die Straßen sind verwaist, gespenstisch still. Plötzlich hocken alle in ihren kleinen Wohnungen. Trotzig wird abends um acht Uhr auf Töpfe geschlagen, geklatscht und gesungen. Anfangs bedankte man sich damit bei dem medizinischen Personal. Längst will man sich damit auch selber Mut machen, fühlen, dass man nicht alleine ist. Nach zehn Tagen erzwungenem Hausarrest kippt die Situation zwar nicht, aber ein Grummeln mischt sich unter die ängstliche Grundstimmung.

Der Kapitän von Real Madrid Sergio Ramos musste bereits am 12. März in Quarantäne. Parallel zur plötzlichen Abriegelung von 70.000 Einwohnern rund um das katalanische Igualada schreckte diese Meldung im fußballverrückten Spanien viele auf. Durchaus verantwortungsvoll postete der Sportler auf seinem Instagram-Account die Botschaft „#YOMEQUEDOENCASA“ (IchBleibZuhause), veröffentlichte Selfies mit „Work Out & Smile“ aus dem Fitnessstudio seiner Villa. Seine Frau, die Fernsehmoderatorin Pilar Rubio zeigte schöne Familienbilder beim Kochen mit den drei Kindern oder Aufnahmen aus ihrem großen Indoorpool.

Wohlwollend wurde berichtet, wie die Gestressten endlich Zeit füreinander haben. Angesichts von mehr als 10.000 Positivfällen in Madrid und einem von langjähriger Austeritätspolitik ausgezehrten Gesundheitswesen an der Kapazitätsgrenze forderte der Spieler mit dem Bürgermeister José Louis Martínez Almeida diesen Sonntag von seinen Mitbürgern: #MadridBleibZuhause. Menschen wie Karla Chaves meckerten in der Onlinezeitung „Eldiario“ jedoch: „Sergio Ramos sagt dir mit seinem großen Garten und zwei Schwimmbädern, du sollst zuhause bleiben, aber was machen wir in einer Wohnung von 45 Quadratmetern?“

Von der Wirtschafts- in die sanitäre Krise

Die alleinerziehende Mutter kümmert sich um ihre drei Kinder und eine Nichte und weiß nicht, wie es weiter gehen soll. Wie so viele kann sie aktuell nicht arbeiten gehen. Bereits am ersten Tag des Alarmzustandes wurden Zehntausende in der Gastronomie entlassen. Die meisten Selbstständigen, die oft noch an den Folgen der Wirtschaftskrise von vor zehn Jahren knabbern, haben keine oder kaum noch Einnahmen.

Die meisten haben große Angst. Vor dem Virus, aber mehr noch vor den finanziellen Folgen. Sehr viele haben bereits ihre Arbeit verloren und niemand weiß, wie es weiter geht. »Eine katalanische Verkäuferin

Die Regierung verspricht zwar, Millionen Betroffenen unter die Arme zu greifen. 20 der geplanten 100 Milliarden Euro, zehn davon für Selbstständige und kleine und mittelständische Betriebe, sind bereits als Soforthilfe freigegeben. Doch viele Kurzarbeiter fallen durchs Raster und im verständlichen Durcheinander bleibt manches unklar.

Dabei leben in diesem westlichen Industriestaat bereits jetzt viele in für Luxemburger unvorstellbaren Verhältnissen. Nach offiziellen Statistiken von 2018 haben in Spanien 23.500 Haushalte weniger als zehn Quadratmeter Wohnfläche pro Bewohner zur Verfügung, oft genug ohne Balkon oder Terrasse. Zwei Drittel aller vierköpfigen Familien leben auf weniger als 105 Quadratmetern. Eine Mutter erzählt, dass sie ihren Sechsjährigen auf einem Hocker ans Fenster stellt, damit er etwas frische Luft bekomme. Andere klagen, dass nicht einmal Spielkonsolen ihre Kinder noch begeistern können.

Strenge Ausgangssperre und soziale Zwänge

Dennoch halten sich fast alle an die strengen Vorgaben der Ausgangssperre, die wenig mehr als den Weg zur Arbeit, Einkäufe von Lebensmitteln und Medikamenten sowie Gassigänge mit dem Hund erlaubt. Nachdem am 15. März die Polizei morgens noch zahlreiche Spaziergänger, Jogger und Touristen von den Straßen und Stränden Barcelonas zurück in ihre Wohnungen geschickt hatte, griff in einer geschockten Bevölkerung bald auch eine umfassende Sozialkontrolle um sich. Zwar hat die Polizei in zehn Tagen rund 100.000 Strafbefehle ausgestellt und 1.000 Bürger verhaftet, doch wirkt vor allem ein sozialer Druck, Gruppenzwang.

Der Sicherheitsabstand beim Einkaufen wird ungewohnt diszipliniert eingehalten. Es ist nicht verboten, als Alleinerziehender das Kleinkind mitzunehmen, doch die Regierung rät dringend davon ab. Was nicht online gehe, sollen im Zweifel Nachbarn besorgen. Nachbarschaftshilfe und -solidarität ist wieder in Mode gekommen. Doch auch das kritische Beäugen der Mitmenschen hat zugenommen. Eine Mutter berichtet etwa von Todeswünschen, die ihr beim – erlaubten – Spaziergang mit ihrem autistischen Kind von Balkonen zugerufen wurden.

Leere Straßen in Barcelona: Innerhalb von wenigen Tagen kippte die Stimmung der Spanier von Sorglosigkeit in zunehmende Angst. (Foto: Dino Geromella / Shutterstock.com)

Schreckensnachrichten häufen sich

Da ihre Kunden die Churros gleich mitnehmen, darf Montserrat Hernandez Martin die spanische Spezialität weiterhin verkaufen. Manche würden jene jetzt wohl nur kaufen, um sich mal ein wenig die Beine zu vertreten, erklärt sie mit einem leichten Grinsen. Allgemein ist sie jedoch bestürzt, was sie von ihren Mitbürgern im katalanischen Ort Olesa de Montserrat mitbekommt: „Die meisten haben große Angst. Vor dem Virus, aber mehr noch vor den finanziellen Folgen. Sehr viele haben bereits ihre Arbeit verloren und niemand weiß, wie es weiter geht.“

Als Motor der ganzen Gegend hat in der Nachbargemeinde die größte Fabrik von Seat die Werkstore mit dem Ausnahmezustand geschlossen. In einer erdrückenden Mischung aus Existenz- und gesundheitlichen Sorgen sitzen jetzt sehr viele Spanier zu Hause. Nachdem etliche noch vor wenigen Wochen die weltweiten Nachrichten zur Corona-Pandemie kaum beachteten, werden sie jetzt von den massiv über sie hereinbrechenden Schreckensmeldungen überfordert.

Dies ist die harte Woche, in der wir hoffen, den Gipfel zu erreichen und dann weniger neue Fälle zu haben. Der Druck auf die Krankenhäuser wird aber weiterhin zunehmen. »Fernando Simón Soria, Epidemiologe

Entsetzen bereitete sogar international die Meldung, dass Militärangehörige beim Desinfizieren der vielen völlig überforderten Altersheime und Seniorenresidenzen vor mehreren Tagen Verstorbene in ihren Betten fanden. Sorgen bereitet die Meldung über immer neue, große Feldkrankenhäuser in Ausstellungshallen, während rund ein Siebtel, über 5.400 der Infizierten, Krankenhauspersonal ist.

Der Epidemiologe und Leiter des Katastrophenschutzes Fernando Simón Soria meldete am Dienstag morgen eine Steigerung von 6.500 neuen Fällen auf knapp 40.000 Infizierte und 514 Tote. Er warnt: „Dies ist die harte Woche, in der wir hoffen, den Gipfel zu erreichen und dann weniger neue Fälle zu haben. Der Druck auf die Krankenhäuser wird aber weiterhin zunehmen.“

Finanzielle und soziale Not bleiben größte Sorge

Erst einen Monat nach den einschneidenden Maßnahmen hofft man hier, mehr Gesundschreibungen als Krankmeldungen vermelden zu können. Man hofft, dass die strengen Maßnahmen greifen, doch gibt es keine wissenschaftliche Erkenntnis, auf die man sich verlassen kann. Niemand kann sagen, ob und wie viele Infizierte die strengere spanische Vorgehensweise im Vergleich mit der luxemburgischen Erlaubnis, sich alleine draußen an der frischen Luft zu bewegen, verhindert.

Dass deutsche Experten wie der Virologe Christian Drosten aus der Berliner Charité Radfahren oder Joggen durch die Stärkung des Immunsystems als sinnvoll erachten, wodurch zugleich Stress abgebaut wird, wird in Spanien derzeit nur von einer kleinen Minderheit diskutiert. Angesicht der steil steigenden Zahlen werden eher eine Ausweitung des Ausnahmezustands mit Schließung aller nicht unbedingt zum Leben notwendiger Firmen und eine noch weiter verschärfte Ausgangssperre gefordert.

Neben den direkten gesundheitlichen werden auch die finanziellen und sozialen Folgen der Pandemie in Spanien gewaltig sein. Eine Studie von 2013 zur Quarantäne von Familien während der SARS-Epidemie in Taiwan 2003 berichtet, dass nahezu ein Drittel der Kinder mit posttraumatischen Belastungsstörungen zu kämpfen hatte. Das Justizwesen ist nahezu komplett still gelegt, doch erwartet man eine Welle von Scheidungen nach Ende der Krise (und andererseits einen Babyboom zu Weihnachten).

Vor allem aber fürchtet man eine Zunahme der in Spanien weit verbreiteten häuslichen Gewalt, wie sie auch schon aus Wuhan gemeldet wurde. Die war in Spanien in den letzten Monaten vermehrt Thema und noch am 8. März protestierten in Madrid 120.000 Demonstranten zum internationalen Frauentag dagegen. Unter ihnen die beiden Ministerinnen Carolina Dariasan und Irene Montero, sowie die Gattin des Ministerpräsidenten Begoña Gómez. Damals gab es 673 offizielle Fälle, wenige Tage später zählten alle drei zu den mittlerweile 40.000 registrierten Fällen unter knapp 47 Millionen Einwohnern.