Journalismus soll nicht nur Aufmerksamkeit erregen, sondern im besten Fall mehr bewirken. In aller Bescheidenheit können wir sagen: Das ist uns im vergangenen Jahr mehrmals gelungen. Wir präsentieren den Rückblick auf die besten Stories, die im Juni 2020 auf Reporter.lu erschienen sind.

2020 war ein Jahr, in dem vieles passiert ist, was vorher als unvorstellbar galt. Dazu zählt auch, dass der Großherzog und der Regierungschef auf Konfrontationskurs gingen. Nach dem Abschluss des Waringo-Berichts schien die Reform der Monarchie auf einem sicheren Weg. Doch Ende Mai erhielt der Kabinettschef von Großherzog Henri ein Entlassungsschreiben, ohne dass Premierminister Bettel informiert worden war.

Die Hintergründe der Vorkommnisse sind Thema im exklusiven Beitrag « Bettel weist Großherzog in die Schranken ». Wie Christoph Bumb berichtete, intervenierte der Premier beim Großherzog, um die Entlassung von dessen Kabinettschef Michel Heintz rückgängig zu machen. Dabei ging es allerdings nicht um die Personalie an sich, sondern um das Prinzip. Eine Personalentscheidung solcher Tragweite könne nur mit dem Einverständnis des Staatsministers getroffen werden, lautete die klare Botschaft von Xavier Bettel.

Der Premier zwingt den Staatschef dazu, eine Entlassung rückgängig zu machen: In ungeahnt deutlicher Form brachte die Episode den Kern der rezenten Diskussionen über die Luxemburger Monarchie auf den Punkt. Letztlich nutzte Xavier Bettel den Vorfall, um die politische Kontrolle zu verstärken und die Reform des großherzoglichen Hofes noch zielstrebiger durchzuziehen. In unserem Dossier zur Reform der Monarchie können Sie die Entwicklungen seitdem verfolgen.

Leere Staatskassen

Den Premier und die ganze Regierung stellten allerdings noch andere Probleme auf die Probe. Deutlich mehr Ausgaben durch den Kampf gegen die Pandemie, eine drohende Wirtschaftskrise und gleichzeitig reduzierte Steuereinnahmen: « Die Rechnung geht nicht mehr auf », schrieben Christoph Bumb und Pol Reuter in ihrem ausführlichen Hintergrundbericht über die finanzpolitischen Folgen der Corona-Krise.

Über das Schicksal der eigentlich geplanten Steuerreform war dabei im Juni noch nichts bekannt. Klar schien aber bereits damals, dass das Regieren für die blau-rot-grüne Koalition deutlich schwieriger werden würde als man dies noch nach den Wahlen 2018 annehmen konnte. Weniger Geld bedeutet nicht nur weniger Gestaltungsspielraum, sondern auch mehr politische Konflikte. « Die wirkliche Bewährungsprobe für die Koalition, ihr Programm und ihre politische Erfolgsmethode könnte erst noch anstehen », schrieb REPORTER-Chefredakteur Christoph Bumb Anfang Juni in seiner Analyse « Die Rückkehr der Politik ».

Schockdiagnose Krebs

Nicht nur aus journalistischer Perspektive wurde im Frühsommer klar: Während Covid-19 alles überschattete, bleiben andere menschliche Schicksale im Dunkeln. Unsere Korrespondentin Nastassia Solovjovas traf mit ihrem Text über den Alltag von Eltern krebskranker Kinder einen Nerv bei unseren Lesern. In ihrem Beitrag «En quelques heures, le monde s’est écroulé», beschreibt sie, wie sich das Leben einer Familie komplett verändert und das Krankenhaus zum Zentrum des Alltags wird. Zur Krankheit des Kindes kommen schnell andere Sorgen hinzu – auch finanzieller Art. « Bien sûr que mon mari et moi nous nous effondrons, mais jamais au même moment“, erzählt eine Mutter.

Eine weitere Recherche, die im Juni viel Aufmerksamkeit erlangte, war der Beitrag von Véronique Poujol über die ideologische und finanzielle Krise der katholischen Kirche: « Hollerich contre Hollerich ». Die Kirchengemeinde Hollerich ist in einem juristischen Streit mit Kardinal Jean-Claude Hollerich. Streitpunkt ist die Abschaffung der Kirchenfabriken. Dabei geht es um die Folgen der Trennung von Kirche und Staat, um viel Geld und letztlich auch eine Frage, die das Verfassungsgericht klären muss.


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