Seit 2016 arbeitet Sexualpädagogin Ute Tauchhammer bei der Ligue HMC. Ihre Aufgabe: Dafür sorgen, dass die Sexualität von Menschen mit einer Beeinträchtigung kein Tabu mehr ist. Was innerhalb der Organisation gut gelingt, ist in der Gesellschaft aber schwer umsetzbar.

Frau Tauchhammer, sexuelles Wissen zu vermitteln ist Hauptbestandteil ihres Jobs. Wie sollte in Ihren Augen aufgeklärt werden?

Aufklärung im Allgemeinen ist sehr kopflastig. Nicht nur bei Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, sondern auch bei den Kindern in der Schule. „Wie entsteht ein Kind?“ „Wie verhüte ich richtig?“ Das wird alles theoretisch beigebracht. Die ganze körperliche Ebene und die eigene Wahrnehmung werden außen vor gelassen. Dabei fängt es doch genau dort an: „Wie fühle ich mich?“ „Was will ich?“ „Was fühlt sich gut an?“ „Wo fühlt es sich gut an?“ Aber auch: „Wie weit darf ich gehen?“ „Und was sind meine Grenzen?“

Wie kann man von der theoretischen Herangehensweise dann auf eine praktischere umsteigen?

Es gibt unterschiedliche Techniken und Materialien. Wir machen bei der Ligue HMC viele sexualpädagogische Aktivitäten und arbeiten mit unterschiedlichen Methoden. Beispielsweise bekommen die Teilnehmer unserer Flirt-Kurse Kärtchen mit kleinen Tipps, damit sie wissen, was sie fragen und sagen können. Und wir gehen in Rollenspielen unterschiedliche Situationen durch. Dann fühlen sie sich später sicherer.

Der Fokus lag bei Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung vor allem auf Verhaltensauffälligkeiten. Ihre Sexualität war bisher kein Thema. »

Es wird viel über Sexualität und Sex gesprochen. Oft wird beides miteinander vermischt. Doch was unterscheidet beides voneinander?

Wenn wir von Sexualität reden, geht es nicht nur um Genitalsexualität, sondern auch darum, wie man sich in seinem Körper fühlt und wie man mit ihm umgeht. Es ist wichtig zu wissen, dass die Menschen ein biologisches Alter, ein kognitives Alter und ein emotionales Alter haben. Bei Ihnen und bei mir sind diese Ebenen in etwa aufeinander abgestimmt. Jemand mit einer intellektuellen Beeinträchtigung, der 40 Jahre alt ist, sieht die Welt auf kognitiver Ebene vielleicht mit den Augen eines Elf- oder Zwölfjährigen, kann emotional aber noch viel jünger sein. Diese Person hat andere Bedürfnisse, als jemand, der vielleicht das gleiche biologische Alter hat, emotional aber viel reifer ist.

Wie machen sich diese Unterschiede konkret bemerkbar?

Wir haben Menschen mit intellektuellen Beeinträchtigungen hier bei der Ligue HMC, die Sex haben und Kinder bekommen. Wir haben aber auch Menschen, die nur Händchen halten und schmusen wollen. Das hängt alles davon ab, auf welcher Ebene sie sich befinden. Jeder hat andere Bedürfnisse. Je schwerer die Beeinträchtigung, desto jünger sind die emotionalen Bedürfnisse. Und desto weiter ist jemand meist vom Genitalsex entfernt. Es ist wichtig, diese Bedürfnisse zu verstehen, um auf eine Person richtig reagieren zu können. Leider wurde all das in der Vergangenheit größtenteils vernachlässigt.

Warum?

Es stand nicht im Fokus der Gesellschaft. Der Fokus lag bei Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung vor allem auf Verhaltensauffälligkeiten. Ihre Sexualität war kein Thema. Dabei ist es wichtig, damit sie sowohl ein Regelverständnis als auch eine gute Wahrnehmung für ihren Körper entwickeln. Wo darf ich was? Und was will ich eigentlich, und was nicht? Das muss besprochen und beigebracht werden.

Wie macht sich diese Vernachlässigung bemerkbar?

Oft zeigt es sich an ganz grundlegenden Dingen. Ein Paar erzählt beispielsweise, dass es beim Sex mit einem Kondom verhütet hat. Wenn man dann fragt, wie sie es benutzt haben, sagen sie, dass sie es auf den Nachttisch gelegt haben. Oder wenn eine Frau sagt, dass sie keinen Sex hatte, weil sie ihr Nachthemd getragen hat. All das zeigt, dass es an Aufklärung fehlt. Es gibt aber noch drastischere Beispiele. Etwa 60 Prozent der jungen Männer mit einer intellektuellen Behinderung wissen nicht, wie sie masturbieren sollen. Das ist traumatisch. Sich selbst ein Entspannungsgefühl zu verschaffen, einen Orgasmus zu haben oder sich körperlich zu entladen, ist etwas Wunderbares. Sie verletzen sich aber zum Teil selbst, weil sie nicht wissen, wie es geht. Bei Frauen fängt es schon oft damit an, dass sie nicht wissen, wie sie sich richtig waschen sollen und zum Beispiel häufig mit Blasenentzündungen geplagt sind.

Was muss also passieren, damit die Situation sich für die Betroffenen bessert?

Es gibt keine Lösung auf dem Silbertablett. Im Kopf der meisten Menschen ist Sex heute immer noch Genitalsex. Das ist es aber nicht. Zumindest nicht nur. Es geht um Liebe, Emotionen, Bedürfnisse, Zärtlichkeit, und, und, und. Es ist eines der Hauptmythen, wenn wir sagen, dass wir eine Sexualkultur in unserer Gesellschaft haben. Denn wir sind kaum daran gewöhnt, offen darüber zu sprechen. Es muss aber darüber gesprochen werden. Nur so können wir das Thema aus der Tabuzone rausholen und Menschenrechtsverletzungen verhindern.


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