Cum-Ex und Cum-Cum: Dubiose Aktiengeschäfte kosten die europäischen Steuerzahler enorme Summen. Neue Recherchen deuten auch für Luxemburg auf einen Milliardenschaden hin. Dennoch bleibt das Finanzministerium passiv und lässt die Öffentlichkeit im Dunkeln.

Im Grunde ist der Trick ganz einfach, sagt Sanjay Shah. „Das Schlupfloch besteht darin, dass du Besitzer der Aktien wirst am Tag, an dem du sie kaufst – nicht erst, wenn du sie bezahlst.“ Findige Börsenhändler nutzen diese Diskrepanz aus, indem sie Aktien kaufen und verkaufen um den Zeitpunkt, an dem Unternehmen ihre Gewinne ausschütten.

Sogenannte Cum-Ex-Geschäfte sind ein bewusstes Verwirrspiel: Der Staat kann nicht mehr nachvollziehen, wer auf die Dividenden die Quellensteuer bezahlt hat und wer Anrecht auf eine Erstattung hat. In Extremfällen führte das dazu, dass die Steuer mehrfach zurückgezahlt wurde, obwohl sie nur einmal beglichen wurde.

Sanjay Shah muss wissen, wie Cum-Ex-Deals funktionieren. Dänemark hat er um knapp eine Milliarde Euro gebracht, Belgien um mutmaßlich über 100 Millionen Euro und Luxemburg um zehn Millionen Euro. „Ich bereue nichts“, sagt der wohl bekannteste Cum-Ex-Drahtzieher im Interview mit „ARD Panorama“. Er habe schlicht ein legales Schlupfloch genutzt, das die Staaten aus Nachlässigkeit offengelassen hätten.

Ein gigantischer Steuerschaden

Viele Länder sehen das mittlerweile anders. Sie verfolgen Cum-Ex-Geschäfte als strafbaren Steuerbetrug. Doch hinter dieser kriminellen Form verbergen sich weitere dubiose Aktiendeals von noch größerem Ausmaß. Sie haben eins gemeinsam: Der Handel mit Wertpapieren verfolgt keinen wirtschaftlichen Zweck, sondern der Gewinn besteht in den Steuern, die den Staaten entgehen.

Welche Ausmaße das Problem hat, zeigen die „CumEx-Files 2.0“. Es ist eine durch das Recherchezentrum CORRECTIV koordinierte Recherche von Medienhäusern weltweit, an der auch Reporter.lu teilgenommen hat.

Eine ernüchternde Erkenntnis der Recherchen lautet: Die Profite der Finanzjongleure bedeuten Verluste für die Allgemeinheit. Schätzungsweise 150 Milliarden Euro an Schaden für die Steuerzahler verursachten Banken, Börsenhändler und Investmentfonds in neun europäischen Ländern plus den USA in den vergangenen 20 Jahren.

Allein für Luxemburg rechnen Steuerexperten mit einem Schaden von 2,2 Milliarden Euro für den Zeitraum zwischen 2000 und 2020. Zum Vergleich: Mit dieser Summe könnte Luxemburg ein ganzes Jahr sein ganzes Schulsystem finanzieren oder vier Mal ein „Südspidol“ bauen.

Luxemburg verliert 100 Millionen Euro pro Jahr

Dieser Schaden entsteht in Luxemburg vor allem durch sogenannte Cum-Cum-Geschäfte. Dabei wechseln die Aktien rund um die Dividendenauszahlung kurz den Besitzer. Das Ziel: Weniger oder gar keine Steuern zu zahlen. Dividenden-Stripping nennen das die Eingeweihten. Der Trick: Ausländische Aktienbesitzer verleihen die Wertpapiere an Banken oder Fonds im Land des Unternehmens. Diese zahlen im Regelfall keine Quellensteuer. Und so wird die Dividende von der Steuer „befreit“ …